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Was Tech-Giganten besonders gut können: „Bewerber einstellen mit dem richtigen Growth Mindset"

22.05.2019

Tech-Giganten wie Google, XING oder Facebook haben sich von Start-ups zu grossen Playern entwickelt, doch wie haben Sie das gemacht? Leila Summa und Christine Kirbach haben sich auf die Suche nach den besten Methoden und Instrumenten gemacht, die bei diesen Unternehmen die Arbeit besonders machen. Besonders innovativ, besonders digital, besonders effizient, besonders anders. 33 dieser Werkzeuge, stellen Sie in ihrem neuen Buch vor. Wir haben Leila Summa unter anderem gefragt, welche dieser Instrumente den HR-Teams den grössten Nutzen bringen.

Leila Summa, Sie nennen Ihr neues Buch „Werkzeuge für die digitale Welt“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Unter „Werkzeugen“ verstehen wir erprobte Arbeitsweisen von Facebook, Google, Amazon und Co. Es sind tief in die Unternehmenskultur integrierte und strukturierte Wege, wie Mitarbeitende vorgehen, um kundenorientierter, innovativer, fokussierter und reaktionsschneller zu arbeiten. Die Arbeitsweisen machen einen bedeutenden Teil des Erfolgs dieser Unternehmen aus.

Haben Sie für sich ein Lieblingswerkzeug gefunden?

Ich nutze und mag eigentlich fast alle der 33 Werkzeuge, die wir in unserer Übersicht vorstellen. Eines meiner Lieblingswerkzeuge ist die 11-Star-Experience von Airbnb. Sie befähigt Teams innert sehr kurzer Zeit, die Customer Experience radikal zu verbessern. Konkret hat Brian Chesky, der Mitbegründer und CEO von Airbnb, sein Team aufgefordert, sich gemeinsam Gedanken zu machen, wie ein 1-Star-Kundenerlebnis für einen Gast sein könnte, gefolgt davon, was ein 2, 3, 4, 5 oder eben 11-Star-Kundenerlebnis wäre. Bis zu 6 Sternen ist das meist relativ einfach, danach wird es zunehmend verrückt und man wird als Team gezwungen, bewusst in Extremen zu denken. Das Gute an der Übung: Dermassen gross zu denken, erhöht den Glauben an die Machbarkeit von Lösungen, die vorher unmöglich schienen. Denn hinter jeder noch so verrückten Idee steckt riesiges Potential für den Kunden wirklich – wie er es nennt – eine „Mindfucking Experience“ zu schaffen.

Erfolgreiche Tech-Unternehmen wachsen meist schnell und sind auf einen effizienten Rekrutierungsprozess angewiesen, um neue Stellen rasch zu besetzen. So richten sich auch einige der von Ihnen vorgestellten Hilfsmittel an Recruitingteams. Welche Methoden bringen den Personalern im Arbeitsalltag wirklich etwas?

LeilaSumma small Bei Microsoft wird zum Beispiel das SCARF-Modell eingesetzt: Es liefert eine neurowissenschaftliche Antwort darauf, weshalb Menschen in Veränderungsprozessen irrational handeln. Mit dem SCARF-Modell können Sie z.B. Belohnungs- und Entscheidungssysteme in Ihrem Team so gestalten, dass sie auf maximale Belohnung und minimale Bedrohung des Mitarbeitenden gepolt sind.

Auch die von uns vorgestellten Recruiting Hacks sind für Personaler spannend, weil Tech-Unternehmen, bei welchen wir diese Methoden beobachtet haben, eines besonders gut können: Bewerber einstellen mit Potenzial und dem richtigen „Growth Mindset“. Das heisst, mit dem intrinsischen Willen und der Haltung, dass alles im Leben gelernt werden kann, man Herausforderungen braucht wie die Luft zum Atmen und dass Fehler machen als gewünschter Entwicklungsschritt zum Erfolg gesehen wird. Und genau solche Mitarbeiter brauchen wir, um die Digitalisierung zu meistern.

Wie haben Sie bei Ihrer Recherche herausgefunden, welche Unternehmen bereits welche Methoden einsetzen?

Einerseits nutzte ich sehr viele dieser Werkzeuge, als ich noch bei Facebook oder XING arbeitete. Auch als Verwaltungsrätin bei LIIP – einer der ersten agilen und holokratisch geführten Webagenturen der Schweiz konnte ich einige neue Tools kennenlernen. „Sharing is caring“ wird in meinem Netzwerk in Tech-Unternehmen nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Christine Kirbach und ich hatten über 45 Werkzeuge gesammelt. Veröffentlicht haben wir dann aber nur die, die möglichst von jedermann einfach umzusetzen sind. Zudem haben wir darauf geachtet, dass alle Werkzeuge hilfreich sind, um in einer sich schnell verändernden Welt die eigene Handlungsfähigkeit im Sinne des Kunden zu steigern oder wenigstens zu erhalten.

Brauchen wir im Zeitalter der Digitalisierung andere Erfolgs-Werkzeuge als früher? Haben die klassischen Spielregeln ausgedient?

Jein: „Der Kunde ist König“ gilt nicht erst seit heute. Aber die Veränderungsgeschwindigkeit hat zugenommen und ich persönlich glaube nicht daran, dass man die gleichen Dinge einfach schneller, sondern eben anders tun muss, um mit dem neuen Tempo und den Anforderungen der schnell ändernden Kundenbedürfnissen Schritt zu halten.

Üblich ist leider auch immer noch, dass man gute Ideen zerredet, bis sie zu einer schlechten Idee werden. Oder wir ersticken Innovationen mit Antworten wie „Ja, aber“ bereits im Kern. Das heute übliche Think-Feel-Act wird – so hoffe ich – bald ersetzt mit Act-Feel-Think-Repeat different. Es ist an der Zeit (anders) zu handeln, bevor das Denken uns daran hindert. Konkret: Viele Führungskräfte wenden unglaublich viel Energie auf, um viel über das nachzudenken, was und wie etwas getan werden muss. Das verstärkt angesichts der Komplexität oft die Schockstarre. Das Wie wird im Rahmen von digitalen Innovationsthemen aber erst beim vermehrten Ausprobieren klar.

Sie schliessen Ihr neues Buch mit dem Zitat „Zwischen Wollen und Können liegt das Tun!“. Wie kommen Sie selber ins Tun?

Indem ich Dinge tue, die meiner Leidenschaft entsprechen. Und, so simpel es klingt: „Better done than perfect“ war eines der Mantras, das bei meinem früheren Arbeitgeber Facebook im Zentrum stand. Es fühlte sich am Anfang falsch an, bis ich für mich verstanden habe, dass es die Angst vor vermeintlichen Fehlern oder Imperfektion ist, die mich zurückhält, Dinge zu tun. Deshalb: Nichtstun ist keine Alternative. Einfach mal (anders) machen ist heute meine Devise.

PlayToChange small L. Summa, C.Kirbach: 33 Werkzeuge für die digitale Welt. Wie jeder die Methoden der Tech-Giganten nutzen kann

Leila Summa arbeitet als Digital Advisor und Entrepreneur. Bei Facebook Germany war sie eine der ersten Vertriebsmitarbeiterinnen und bei XING Marketing Solutions GmbH Geschäftsführerin. Neben ihrem Job trainiert sie als Mentorin bei Google und bei Dr. Wladimir Klitschko Führungskräfte. Mit ihrem Start-up «Play To Change» gibt sie Unternehmen zudem Starthilfe zugunsten der digitalen Welt.

Christine Kirbach ist Serial Entrepreneur mit langjähriger Erfahrung in leitenden Funktionen im Konzernvorstandsumfeld. Diese einzigartige Kombination nutzt die Transformations- und Leadership-Expertin heute mit ihrem Unternehmen red lab und hilft Organisationen zu neuem Verhalten zu finden, um Innovationsprozesse zu beschleunigen. Sie ist Brückenbildnerin zwischen Start-ups und Konzernen sowie als Public Speaker und Digital Advisor international gefragt.

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Autorin des Artikels
Yvonne Miller
Yvonne schreibt und netzwerkt für XING aus unserem Office in Zürich. Nebenbei ist sie Dozentin für Social Media, besteigt die Alpen auf der Suche nach dem schönsten Bergsee und liebt guten Kaffee.