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„Der Lokführer kann seine Lok nicht mit nach Hause nehmen“ – Bahnvorstand Martin Seiler im XING E-Recruiting Podcast

26.05.2019

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: In Ihrem Unternehmen beschäftigen Sie aktuell 200.000 Mitarbeiter. Innerhalb eines knappen Jahrzehnts werden Sie jeden Zweiten davon verlieren. Was dramatisch klingt, ist die nackte Wahrheit für die Deutsche Bahn. Das Unternehmen steht nicht nur angesichts dieses enormen Fachkräfteschwunds vor großen Herausforderungen, sondern muss auch Mitarbeiter, die bereits seit Jahrzehnten im Unternehmen sind, auf die Anforderungen der neuen Arbeitswelt einschwören. Wie das gelingt, erklärt der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, meinem Kollegen Marcus Merheim und mir in der aktuellen Folge unseres XING E-Recruiting Podcasts.

Ob Ü50, Ex-Bundeswehrsoldaten, Geflüchtete oder Studienabbrecher: Jeder ist willkommen

Im vergangenen Jahr starteten rund 24.000 neue Mitarbeiter bei der Bahn. Auch dieses Jahr hat das sich Unternehmen mit 22.500 Einstellungen ähnlich hohe Ziele gesteckt. Doch trotz ihrer Bekanntheit ist die Bahn als Arbeitgeber kein Selbstläufer. Dafür ist die Bandbreite der Jobs zu groß und gleichzeitig zu speziell: Etwa 500 verschiedene Jobprofile gibt es bei dem Transportunternehmen. Besonders prominent in den Medien ist natürlich der Job des Lokführers. Damit Fahrgäste tagtäglich ihre Ziele erreichen, tragen aber auch alle anderen 499 Tätigkeiten ihren Teil bei: Vom Gleisbauer über den IT Spezialisten und Gebäudereiniger bis hin zum Fahrzeuginstandhalter oder Maurer.

„Wir bilden den Arbeitsmarkt, den es draußen gibt, intern ab“, sagt Martin Seiler treffenderweise. Und für all diese Stellen gibt es nicht genügend passende Bewerber. Daher bezieht die Bahn auch Zielgruppen ein, die vielen Arbeitgebern auf dem ersten Blick weniger attraktiv erscheinen mögen.

Tipp: Folgen Sie dem Podcast auf iTunes, Spotify oder Soundcloud und verpassen Sie keine Folge.

Bereits im letzten Jahr stellte die Bahn gezielt Ü50 Fachkräfte ein; sie machten 14 Prozent der Neueinstellungen aus. Eine besondere Initiative für Geflüchtete gibt es auch. In Zusammenarbeit mit den Jobcentern und der Politik helfen eigene Sozialpartner – auch ehrenamtlich – den neuen Kollegen dabei, sich in der deutschen Arbeitswelt zurechtzufinden. Zudem hat die Bahn 100 ehemalige Bundeswehrsoldaten in ihre Reihen aufgenommen, denn sie seien meist im technischen Bereich ausgebildet und immens motiviert. Dies gelte ebenso für Studienabbrecher, die in dem Job bei der Bahn eine zweite oder gar dritte Chance sehen, endlich etwas zu bewegen.

Motivation und Einstellung muss stimmen. Den Rest kann man lernen.

Motivation, die richtige Einstellung, der „Drive“, die passende Kultur – das sind die Worte, die Martin Seiler in dem Gespräch wiederholt betont. Der Rest – der Inhalt – kann erlernt werden. Diese Meinung kommt nicht von ungefähr, denn für viele der Tätigkeiten bei der Bahn ist der Arbeitsmarkt leergefegt, also erschafft man sie sich selbst, etwa indem das Unternehmen Nachwuchskräfte anlernt: 50 verschiedene Ausbildungsberufe sowie 25 duale Studiengänge bietet das Unternehmen. Dreistellige Millionenbeträge gehen hier rein. Aber es geht auch darum, Mitarbeiter im Unternehmen weiter zu qualifizieren. So sind im Personalbereich 1.000 Mitarbeiter für das Training und die Weiterbildung verantwortlich – dies entspricht übrigens einem Sechstel des gesamten HR Teams, das sich wiederum auf 31 Teams aufteilt.

Die Digitalisierung und ihre Folgen für die Deutsche Bahn: Programm ersetzt 300 Mitarbeiter in der Reisekostenabrechnung

Die Digitalisierung, eine der wesentlichen Treiber der aktuellen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, spielt auch bei der Bahn auf mehreren Leveln eine wichtige Rolle. Das bedeutet nicht nur, dass jeder Auszubildende ein Tablet erhält, sondern führt auch dazu, dass alte Rollen im Unternehmen verschwinden. So habe die Bahn die Reisekostenabrechnung zum Großteil automatisiert. Früher haben sich 300 Mitarbeiter hiermit beschäftigt.

Im Zuge der Digitalisierung spiele daher die Weiterbildung eine wichtige Rolle für die Mitarbeiter. Jobs entwickelten sich weiter und auch die Belegschaft müsse sich mitentwickeln, neue Dinge lernen, neue Rollen im Unternehmen einnehmen.

New Work: „Der Lokführer kann seine Lok nicht mit nach Hause nehmen“

Wie jedes Unternehmen beschäftigt sich auch die Deutsche Bahn intensiv mit dem Thema New Work. Während jedoch flexible Arbeitszeiten und -orte für die Mitarbeiter im Büro keinerlei Schwierigkeiten bereiteten, stehe man bei vielen anderen Tätigkeiten vor größeren Herausforderungen. Schließlich könne der Lokführer seine Lok nicht mit nach Hause nehmen. Aber auch diesen Mitarbeitern möchte man Möglichkeiten geben. Daher sei es wichtig, sich konkret mit den Tätigkeiten und Anforderungen auseinanderzusetzen.

Um den Anforderungen der neuen Arbeitswelt Rechnung zu tragen, nimmt die Einführung innovativer Methode im Personalbereich eine tragende Rolle ein. So schuf man u. a. das Anschreiben für Ausbildungsjobs ab und suchte in einem Waggon am Münchener HBF neue Lokführer. Am Ende kamen 200 Interessenten, 68 bekamen eine vorläufige Einstellbescheinigung.

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Autorin des Artikels
Yee Wah Tsoi
Yee Wah ist seit 2008 bei XING. Die Bielefelderin (gibt's wirklich!) war dort zuerst in der PR tätig. Seit 2017 ist sie für den Recruiting Content zuständig.