Recruiting in der Krise

„Die Zeit sollte jetzt genutzt werden, um sich am Kandidatenmarkt ein gutes Netzwerk aufzubauen“

Recruiting in der Krise

Alle guten Dinge sind Drei! Im dritten und abschließen Teil unserer Reihe „Recruiting in der Krise“ spricht Kristina Knezevic, Country Managerin für XING in Österreich, mit einer weiteren Vertreterin aus der Personalvermittlungsbranche und zwar mit Heidi Blaschek, gewerberechtliche Geschäftsführerin von DIE JOB SCHNEIDER PERSONALDIENSTE GMBH. Heidi Blaschek ist seit 2002 als Personaldienstleisterin tätig. Mit ihrem Geschäftspartner Rainer Schneider gründete sie 2010 Job Schneider Personaldienste.


Tipp: Lesen Sie auch das erste Interview mit Peter Kraus, Geschäftsführer und Personalberater der PWK GmbH, sowie den zweiten Teil mit Alexandra Eperjesi-Hefner, Geschäftsführerin von LINDLPOWER Personalmanagement.


Auch in diesem Gespräch beschäftigen wir uns vor allem mit den Fragen, wie Recruiting in den letzten Wochen funktioniert hat, wie Personalberater die Krise als Chance nutzen können und was die Tools der Zukunft sind, die uns bleiben werden.

Kristina Knezevic: Wie funktioniert Recruiting in Zeiten von Corona? Funktioniert Recruiting zur Zeit anders als vorher?

Heidi Blaschek: Recruiting kann dank moderner, digitaler Tools, wie Skype, Teams oder Zoom weiterhin durchgeführt werden. Wir haben unseren Kandidaten bereits in Zeiten vor Corona die Wahlmöglichkeit gegeben, ob ein erstes Kennenlernen persönlich oder zeitsparender per Video-Call bevorzugt wird. Somit war die Umstellung für uns nicht allzu groß. Die Corona Krise hat diese Art der Begegnung nun sicherlich salonfähig gemacht, wenngleich nun auch der persönliche Kontakt eine ganz neue Bedeutung bekommen hat.

„Viele Unternehmen haben noch keine Erfahrung mit digitalen Recruiting Prozessen“

Kristina Knezevic: Wie gehen Unternehmen mit diesem Thema um?

Heidi Blaschek: Wir erleben die Unternehmen sehr verhalten. Manche haben die Besetzung der offenen Positionen vorerst eingefroren, bei anderen wiederum hat sich der Prozess durch die Homeoffice Situation verzögert. Viele Unternehmen haben noch keine Erfahrung mit digitalen Recruiting Prozessen und bevorzugen eindeutig noch den persönlichen Kontakt, um sich für ein neues Teammitglied entscheiden zu können. So ist es auch für Personaldienstleister, die sonst schon modern und digital sind, eine Umstellung den gesamten Prozess online abzuwickeln.

„Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen gehen wieder erste Suchaufträge ein“

Kristina Knezevic: Welche Branchen sind Gewinner, welche sind Verlierer der Krise?

Heidi Blaschek: Als Gewinner sehe ich den Lebensmittelhandel, die Drogerien, die Pharmabranche und die Biotechfirmen rund um die Herstellung eines neuen Impfstoffes. Aber auch Steuerberater, das Sicherheitsgewerbe, den Onlinehandel, die Verpackungshersteller und die Streamingdienste wie Netflix werden die Krise nicht so sehr zu spüren bekommen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Therapeuten oder Lebens- und Sozialberater durch das erhöhte Konfliktpotential innerhalb der Familien und Paare öfter konsultiert werden.

Am schwierigsten haben es derzeit sicherlich Betriebe der Hotellerie, der Gastronomie, der Reisebranche und alle Unternehmen in den Berufszweigen, die etwas mit Freizeitgestaltung, Fitness oder Vergnügung zu tun haben. Aber auch Aus- und Weiterbildungsinstitute haben es schwerer. Nachdem sich der Arbeitsmarkt so radikal verändert hat, zählen auch wir Personaldienstleister zu den meist betroffenen Branchen. Viele Personalvermittler mussten vorübergehend pausieren und haben schwere Einbußen. Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen gehen jedoch schon wieder erste Suchaufträge ein.

Kristina Knezevic: Welche Stellen werden nach wie vor besetzt und welche nicht?

Heidi Blaschek: Auf jeden Fall Positionen im IT-Bereich, in der Steuerberatung und in der Buchhaltung, aber auch im produzierenden Bereich und am Bau wird weiterhin gewerbliches Personal gesucht. Allerdings wird derzeit bei der Besetzung von Positionen viel weniger auf Personaldienstleister zurückgegriffen, da sich auf Grund der Arbeitsmarktsituation übermäßig viele Bewerber auf freie Stellen melden. Die Bewältigung des Bewerbermanagements ist jedoch für viele Personalabteilungen sicherlich eine Herausforderung. Hierbei können Personaldienstleister mit den vielen Zusatzleistungen, die geboten werden, gut Abhilfe schaffen.

„Die Chance derzeit High Potentials zu finden ist etwas gestiegen“

Kristina Knezevic: Wie hat sich die Zahl Ihrer überlassenen Arbeitskräfte aufgrund der Corona Maßnahmen bisher entwickelt?

Heidi Blaschek: Bei den Arbeitskräfteüberlassern gibt es hier eine aussagekräftige Mitgliederumfrage des ÖPDL – dem Verband der Österreichischen Personaldienstleister, an der 92 % der befragten Mitglieder angeben, dass die Zahl der überlassenen Arbeitskräfte zurückgegangen ist. 51 % melden einen starken Rückgang und 41 % einen Rückgang. Eine Steigerung konnte kein einziger befragter Personaldienstleister vermelden.

Kristina Knezevic: Ist es schwieriger geworden High Potentials zu finden? Hat sich hier etwas getan?

Heide Blaschek: Grundsätzlich ist die Chance derzeit High Potentials zu finden etwas gestiegen. Viele Unternehmen haben die Krise auch genutzt, um sich von Mitarbeitern zu trennen, die zuvor nur noch mitgeschwommen sind und haben die für sie wertvollsten Mitarbeiter behalten. Somit wurden zwar nicht so viele High Potentials freigesetzt. Tendenziell ist die Situation derzeit dennoch besser. Die Zeit sollte jetzt genutzt werden, um sich am Kandidatenmarkt ein gutes Netzwerk aufzubauen.

Kristina Knezevic: Wie haben Sie in den letzten acht Wochen rekrutiert, wie rekrutieren Sie jetzt?

Heidi Blaschek: Unser Recruitingprozess hat sich nicht wesentlich geändert, da wir auch schon vor Covid-19 auf modernes, digitales Arbeiten gebaut haben. Unser Team war von einem auf den anderen Tag via Home-Office voll einsatzfähig.

„XING hilft uns hier in erster Linie bei der Vernetzung, wenn es darum geht, Kontakte zu potentiellen Neukunden zu finden“

Kristina Knezevic: Wie hilft Ihnen XING in der aktuellen Situation die Arbeitsprozesse aufrecht zu erhalten bzw. zu verbessern?

Heidi Blaschek: XING hilft uns hier in erster Linie bei der Vernetzung, wenn es darum geht, Kontakte zu potentiellen Neukunden zu finden oder auch beim Aufbau eines Netzwerkes zu potentiellen Kandidaten.

Kristina Knezevic: Was können Sie aus der Krise lernen? Können Sie etwas Positives aus der Krise ziehen?

Heidi Blaschek: Als Unternehmerin kann ich aus der Krise lernen, dass es Sinn macht, seine Regiekosten so niedrig wie möglich zu halten und wie wichtig es ist, auch Reserven aufgebaut zu haben, um stabil auch eine längere Durststrecke überdauern zu können. Die Krise ist jedoch auch gleichzeitig eine Chance – denn Krise bedeutet auch einen oder mehrere Schritte an einem Punkt zurückzugehen – was gleichzeitig die Möglichkeit bietet von dort aus, neue Wege einzuschlagen, die man davor gar nicht gesehen hätte. Im Falle der DIE JOB SCHNEIDER PERSONALDIENSTE GMBH ist es, das wir ein neues digitales Produkt auf den Markt bringen möchten.

„Die Personaldienstleister sind in Zeiten von Krisen ein absoluter Indikator“

Kristina Knezevic: Ausblick: Wie geht es weiter? Was wird nach der Krise sein? Einschätzung für ihre Branche?

Heidi Blaschek: Die Personaldienstleister sind in Zeiten von Krisen ein absoluter Indikator. Zu Krisenbeginn sind wir die Ersten, die vom Personalabbau betroffen sind und zum Wirtschaftsaufschwung die Ersten, die wieder Personal einstellen. Davon ausgehend, dass die Betriebe zuerst die Mitarbeiter wieder aufnehmen, die in Kurzarbeit waren oder gänzlich abgebaut wurden, rechne ich in diesem Fall, mit einem leicht verzögertem Neustart.

Gundula Rauch ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien.
Ein Artikel von Gundula Rauch

Gundula ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien. An der Universität Wien studiert sie im Master Arbeits- und Organisations-Psychologie.