Interview

Personalberater Peter Kraus: „Die Wechselbereitschaft ist enorm hoch“

Peter Kraus

Der Arbeitsmarkt hat sich durch die Corona-Krise binnen kürzester Zeit radikal verändert, sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitnehmer. Kurzarbeit, Hiring Freeze und Kündigungen sind Realität und in Österreich herrscht die größte Arbeitslosigkeit seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch können Unternehmen auch etwas Positives aus der Krise ziehen und sogar gestärkt daraus hervorkommen?

Kristina Knezevic, Country Managerin XING Österreich, erörtert im Gespräch mit Peter Kraus (Foto), Geschäftsführer und Personalberater der PWK GmbH, wie Recruiting in Zeiten der Krise funktionieren kann, wie man diese Ausnahmesituation als Chance nutzt und welche Recruiting-Tools uns auch nach der Corona-Pandemie erhalten bleiben.

Kristina: Wie funktioniert Recruiting/Personalsuche in Zeiten von Corona?

Peter Kraus: Recruiting und Personalsuche erfordern jetzt besonders viel Innovation, sind aber auch eine große Chance, wesentlich effizienter zu den richtigen Mitarbeitern zu kommen. Das heißt, dass das persönliche Kennenlernen der Kandidaten und Auftraggeber online passiert sowie auch gleich die Dienstvertragsunterzeichnung und das Onboarding via Homeoffice. Das war vor der Krise nicht möglich und auch nicht gewünscht. Ich denke, dass die Entscheidung für Kandidaten fallen kann auch bevor man diesen physisch kennenlernt. Wir nutzen zum Beispiel intensiv, wie auch schon vor Corona, Active Sourcing Tools wie z. B. den XING TalentManager, um potenzielle Kandidaten zu identifizieren, sowie sämtliche Videokonferenz-Tools, um professionelle Interviews durchzuführen. Dabei gilt das gleiche wie vor der Krise: rasch und effizient agieren.

Kristina: Wie gehen Unternehmen in diesen Zeiten mit diesem Thema um?

Peter Kraus: Je nach Branche unterschiedlich – die von der Corona-Krise hart getroffenen Branchen haben noch gar keine Ideen, hier geht es quasi ums nackte Überleben. Andere Branchen wie Logistik, Steuerberatung, Onlinehandel usw. brauchen jetzt noch viel mehr gute Leute! Es ist sozusagen ein Gerangel um die besten Steuerberater und Lohnverrechner im Moment, aber auch im Bereich Onlinemarketing und Vertrieb geht es rund, da ist eben eine professionelle Supply Chain im Recruiting gefragt. Zusätzlich ist die Krise natürlich ein Turbo, der die Digitalisierung beschleunigt – es ist wahrscheinlich die letzte Chance für manche Branchen wie zum Beispiel Steuerberater, um künftig wirtschaftlich zu überleben.

Kristina: Gibt es Umsatzeinbußen in der Personalvermittlungsbranche?

Peter Kraus: Es gibt enorme Einbußen auf der einen Seite, aber auch Zuwächse auf der anderen Seite, je nachdem, in welcher Branche der Schwerpunkt liegt. Ein guter Mix sichert das Überleben! Wir selbst hatten zunächst 90 Prozent weniger Aufträge, konnten dies aber durch mehr Aufträge in gefragten Bereichen beinahe ausgleichen. Allerdings arbeiten wir noch härter und intensiver als vor der Krise. XING als Recruiting Toolkit in Kombination mit Prescreen erleichtert uns hier die Arbeit und hilft uns auch während der Krise unseren Job zu machen. Wir stellen auch fest, dass es aktuell eine Spur leichter ist, High Potentials zu finden als vor der Krise. Denn das Interesse an neuen Chancen bzw. die Bereitschaft zu wechseln ist zurzeit enorm hoch. Gründe hierfür sind zum Beispiel der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz bzw. einem Job in einer sicheren Branche, aber auch Vertrauensverluste spielen eine Rolle. Es gibt nämlich auch die schwarzen Schafe, die Mitarbeiter zur Kurzarbeit anmelden und ihre Belegschaft dann voll arbeiten lassen.

Kristina: Welche Stellen werden nach wie vor besetzt und welche nicht mehr?

Peter Kraus: Wir sind breit aufgestellt – kurz vor dem Abschluss gestandene Positionen im Tourismusbereich sind geplatzt und wahrscheinlich auf längere Zeit verloren, diese Stellen sind zu 100 Prozent beinahe nachhaltig verloren. Im Dienstleistungsbereich wie Steuerberatung und Lohnverrechnung wird umso mehr besetzt und auch Sales Mitarbeiter sind nun stärker gefragt. Da ist die Nachfrage um mindestens 100 Prozent gestiegen, wobei Steuerberatungskanzleien mit Schwerpunkt Tourismus und Gastronomie ebenso mit teils bis zu 100 Prozent Einbußen betroffen sind. Auch im Industriebereich bleiben die Aufträge vor allem im Führungskräftebereich bestehen, da man weiß, dass Top-Leute auch gleich wieder weg sind, wenn sich der Aufschwung ankündigt.


Das Gespräch mit Peter Kraus zeigt gut, dass es auch in der aktuellen Situation Strategien und Möglichkeiten gibt, um Recruiting weiter zu betreiben und somit für die Zeit nach der Krise gewappnet zu sein. Ein agiles, kreatives Mindset sowie Offenheit für Digitalisierung und das Ausprobieren neuer Methoden bilden hier die wichtigste Basis. Auch zeigt sich in Zeiten wie diesen das wahre Unternehmensprofil, sodass der Umgang mit Mitarbeitern und Bewerbern und somit das Employer Branding der Unternehmen automatisch in den Fokus rücken.

Gundula Rauch ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien.
Ein Artikel von Gundula Rauch

Gundula ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien. An der Universität Wien studiert sie im Master Arbeits- und Organisations-Psychologie.