IT-Fachkräfte-Spezial

Abwerben in der IT-Branche

Abwerben in der IT-Branche

Active Recruiting, das gezielte Ansprechen von Fachkräften, die aktuell in einem anderen Unternehmen beschäftigt sind, ist in der IT-Branche Alltag. Aber was dürfen Recruiter dabei eigentlich – und was nicht?

Bei der Suche nach neuen Mitarbeitern gilt grundsätzlich das Prinzip des freien Wettbewerbs: Kandidaten dürfen gesucht und abgeworben werden. So hat es der Bundesgerichtshof in seiner Rechtsprechung deutlich gemacht. Gesetzeswidrig sind Maßnahmen, mit denen Recruiter Personal abwerben wollen, also nicht. Trotzdem ist beim Abwerben längst nicht alles erlaubt.

Darf man den Kandidaten dazu verlocken, seinen Arbeitgeber zu wechseln?

Zunächst einmal zum Begriff des Abwerbens: Grundsätzlich dürfen Sie als Personaler auf den Arbeitnehmer eines anderen Unternehmens mit dem Ziel einwirken, dass dieser kündigt und bei Ihnen eine Anstellung antritt.

Denn ein Arbeitnehmer darf schließlich frei entscheiden, für wen er arbeiten möchte. Voraussetzung ist natürlich, dass er die Kündigungsfrist einhält. Zu einem Vertragsbruch dürfen Sie ihn nicht verleiten.

Darüber hinaus ist das Abwerben nur zulässig, solange die Abwerbung nicht gegen das „Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb“ verstößt. Das bedeutet: Wenn die Absicht Ihrer Abwerbung ist, ein Unternehmen, mit dem Sie in Konkurrenz stehen, gezielt zu schwächen, dann ist dies nicht erlaubt. Gleiches gilt, wenn Sie einen Kandidaten abwerben, um Betriebsgeheimnisse aus dem Unternehmen zu erfahren.

Wie dürfen Recruiter zu potenziellen Kandidaten Kontakt aufnehmen?

In der Regel erfolgt der Kontakt zu einem möglichen zukünftigen Mitarbeiter auf schriftlichem oder telefonischem Wege. Auch dabei gilt es einiges zu beachten.

Während es beispielsweise grundsätzlich erlaubt ist, den Kandidaten an seinem Arbeitsplatz anzurufen, gestattet der Bundesgerichtshof dies nur für den Erstkontakt. In diesem Gespräch sollten Sie dann einen Termin für eine weitere Kontaktaufnahme außerhalb der Arbeitszeit vereinbaren. Andernfalls stören Sie den betrieblichen Arbeitsablauf und dies gilt bereits als wettbewerbswidriges Verhalten.

Aus rechtlicher Sicht unproblematischer ist es, die Kontaktaufnahme direkt außerhalb des Arbeitsplatzes zu tätigen. Das kann beispielsweise über ein soziales Netzwerk geschehen. Private und berufliche Netzwerke sind hier gleichermaßen erlaubt, jedoch sollten Sie dabei bedenken, dass der Kandidat gerne im richtigen Kontext, dem beruflichen also, angesprochen werden möchte. Daher bietet sich eine Plattform wie XING an.

Darf man dem Kandidaten bessere Bedingungen als sein aktueller Arbeitgeber anbieten?

Sie wollen den Kandidaten locken, also bieten Sie ihm beispielsweise ein höheres Gehalt oder bessere Arbeitsbedingungen an. Das ist im Sinne des freien Wettbewerbs genau so auch erlaubt.

Darf ein Arbeitnehmer seine Kollegen abwerben?

Haben Sie einen Kandidaten von Ihrem Unternehmen überzeugt und er wirbt noch während eines laufenden Vertrages bei einem anderen Arbeitgeber weitere Kollegen ab, so verletzt er damit seine arbeitsvertragsrechtlichen Treuepflichten. Andererseits: Natürlich darf er seinen Kollegen von dem bevorstehenden Stellenwechsel berichten und auch die Gründe dafür nennen.

Und was ist sonst noch verboten?

Stehen Sie mit einem Unternehmen in einem Geschäftsverhältnis und werben in dieser Zeit einen Mitarbeiter des Unternehmens ab, dann kann dies ebenfalls als unlauterer Wettbewerb ausgelegt werden.

Wie können Sie einem Abwerben Ihrer eigenen Mitarbeiter vorbeugen?

Zuallererst: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Mitarbeiter zufrieden sind. Glückliche Mitarbeiter haben keinen Grund, ihren Arbeitgeber zu verlassen und geben einem Headhunter keine Chance.

Flexible Vergütungsmodelle, bei denen Sie beispielsweise eine Einmalzahlung vereinbaren, wenn der Mitarbeiter eine bestimmte Zeit im Unternehmen bleibt, können ebenfalls für eine niedrigere Fluktuation sorgen.

Zu den weiteren Maßnahmen, die wir Ihnen hier der Vollständigkeit halber noch vorstellen möchten, sollten Sie hingegen nur sehr bedacht greifen. Dazu zählen beispielsweise ein Wettbewerbsverbot, das dem Mitarbeiter verbietet, keine Anstellung bei einem Konkurrenzunternehmen anzunehmen.

Auch eine lange Kündigungsfrist kann eine Option sein, um es anderen Unternehmen schwer zu machen, die eigenen Mitarbeiter abzuwerben.

Und wie verhalten Sie sich am besten, wenn ein Mitarbeiter dennoch gehen möchte?

Suchen Sie das Gespräch! Bevor Sie einen Mitarbeiter kampflos aufgeben, sprechen Sie mit ihm über seine Beweggründe und zeigen Sie ihm auch die negativen Seiten des Wechsels auf. Überlegen Sie gemeinsam, was Sie ihm bieten müssten, um ihn zu halten. Neue Herausforderungen oder ein höheres Gehalt können verlockend sein. Geben Sie dem Mitarbeiter nach dem ersten Gespräch Bedenkzeit und vereinbaren Sie einen Anschlusstermin. Für die dazwischenliegende Zeit sollten Sie Stillschweigen vereinbaren.

Was tun, wenn einer Ihrer Mitarbeiter unzulässig abgeworben wurde?

Können Sie beweisen, dass das Konkurrenzunternehmen unzulässige Ziele verfolgt hat, dann könnten Sie Schadensersatzansprüche geltend machen. Auch eine Unterlassungsklage oder ein Beschäftigungsverbot für den ehemaligen Mitarbeiter wäre möglich. Letzteres bedeutet, dass der Mitarbeiter eine bestimmte Zeit nicht für das neue Unternehmen arbeiten darf - andernfalls haben Sie als ehemaliger Mitarbeiter ein Anrecht auf Schadensersatz.

Fazit

Leider ist kein Unternehmen davor gefeit, gute Mitarbeiter an andere Unternehmen zu verlieren. Geschieht dies, weil ein Recruiter besonders gute Argumente hatte und konnten Sie Ihren Mitarbeiter trotz eines persönlichen Gespräches und weiterer Anreize nicht halten, schmerzt das natürlich. Vergessen Sie aber nicht, dass die Entscheidung nicht zwangsläufig mit Ihren Arbeitgeberqualitäten zusammenhängen muss, sondern auch ganz persönliche Gründe haben kann.

Und denken Sie auch daran, dass man mit einem fairen Abschied auch die Chance auf ein Comeback vergrößert

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Exklusiv
Ein Artikel von Birte Schmidt

Birte berichtet freiberuflich für den Blog von XING E-Recruiting über Trends und Neuigkeiten aus dem HR-Bereich.