Recruiting während Corona

„In Krisenzeiten erkennt man, welche Mitarbeiter für das Unternehmen wertvoll sind"

Alexandra Eperjesi-Hefner

Seit gut zwei Wochen kehrt langsam eine „neue Normalität“ in Österreich zurück: die 1,5m Sicherheitsabstand werden großteils eingehalten und die Unternehmen kehren schrittweise langsam wieder in ihre Büros zurück. Doch retrospektiv betrachtet: wie hat Recruiting in den letzten Wochen funktioniert? Wie können Personalberater die Krise als Chance nutzen und was sind die Tools der Zukunft, die uns bleiben werden?

Kristina Knezevic, Country Managerin für XING in Österreich, spricht hierzu in einer dreiteiligen Interviewreihe mit verschiedenen Personalvermittlern in Österreich und schaut sich diese Branche und ihre zurzeitigen Herausforderungen genauer an. Das erste Interview führte Kristina Knezevic mit Peter Kraus, Geschäftsführer und Personalberater der PWK GmbH. Im abschließenden dritten Teil unterhält sich Kristina mit Heide Blaschek, gewerberechtliche Geschäftsführerin von Job Schneider Personaldienste GmbH.

Neue Einblicke in die Welt der Personalvermittlungen

Im Fokus dieses Interviews steht Alexandra Eperjesi-Hefner, Geschäftsführerin von LINDLPOWER Personalmanagement. Nach einigen Jahren als Trainerin in der Personalentwicklung und im Beratungs-Geschäft ist sie 2005 zur Lindlpower Personalmanagement GmbH gekommen. Zunächst war sie dort tätig als HR-Consultant, dann übernahm sie die Leitung der Niederlassung in Wien. Vier Jahre später wurde sie Gesellschafterin. Ihre aktuelle Position bekleidet sie seit 2015.

Im nachfolgenden Gespräch erhält Kristina Knezevic spannende Einblicke in die Personalvermittlungsbranche von Alexandra Eperjesi-Hefner.

Kristina Knezevic: Wie funktioniert Recruiting in Zeiten von Corona? Funktioniert Recruiting in Zeiten von Corona anders als vorher?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Grundsätzlich funktioniert Recruiting genau so wie vor Corona und durchläuft folgenden Zyklus: gestartet wird mit der Ausschreibung der Positionen bzw. die Bewerbung in den Medien. Anschließend erfolgt die Bewerbung des Kandidaten sowie die erste Ansprache der Kandidaten, welches ja bis dato schon digital verlaufen ist. Allgemein kommt vor dem persönlichen Kennenlernen IMMER ein Telefoninterview.

Der große Unterschied allerdings ist nun, dass wir wirklich den gesamten Prozess auf digital umgestellt haben. Das heißt, dass nun auch die Profilbesprechung mit dem Kunden und das persönliche Interview mit dem Kandidaten nun online stattfindet. Das sind normalerweise die beiden wichtigen persönlichen Momente im Recruitingprozesse. Glücklicherweise konnten wir jedoch auf Grund unserer jahrelangen Erfahrung Fragetechniken und Analyseinstrumente entwickeln, die dem persönlichen Gespräch sehr nahe kommen. Ich selbst habe beispielsweise unsere Teamassistenz eingestellt ohne sie zuvor persönlich getroffen zu haben. Es hängt jedoch sehr stark von den Unternehmen und deren Digitalisierungsgrad ab, wie wohl sich diese damit fühlen! Zudem sind Agilität, Flexibilität, digitale Infrastruktur, Innovationswille und -kompetenz nicht mehr nur Schlagworte, sondern müssen von den Unternehmen gerade aktiv gelebt werden.

„Langfristig werden jene zu den Gewinnern zählen, die in der Lage sind, sich flexibel, unkompliziert und effizient an die neuen Gegebenheiten anzupassen“

Kristina Knezevic: Wie gehen Unternehmen mit diesem Thema um?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Da wir ständig mit unseren Kunden in Kontakt sind und ein Ohr an der heimischen Wirtschaft haben, konnten wir sehr gut verfolgen, wie die Unternehmen auf die Krise reagiert haben: Die ersten Wochen des Lockdowns waren geprägt von Krisenmanagement mit Schwerpunkt Sicherheitsmaßnahmen, Homeoffice und Kurzarbeit. Recruiting wurde in dieser Phase fast in allen Unternehmen pausiert, zumindest hatte es nicht Priorität. Erst nach Bewältigung dieser ersten Turbulenzen und dem Einkehren einer neuen Normalität haben nun die HR-Mitarbeiter wieder die Möglichkeit und Zeit an Recruiting zu denken.

Kristina Knezevic: Welche Branchen sind Gewinner, welche sind Verlierer der Krise?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Ja, es gibt auch Gewinner der Krise. Man kann sagen, dass Branchen die mit Hygiene und Medizintechnik zu tun haben ebenso zu den Gewinnern gehören wie IT, Telekommunikation und EDV-Unternehmen. Aber selbst hier ist es differenziert zu betrachten, zum Beispiel gehören Reinigungsfirmen in manchen Bereichen zu den Gewinnern, müssen aber aufgrund vieler geschlossener Unternehmen auch Einbußen hinnehmen.

Branchen wie Bau und Finanzen wurden bisher nicht schwer getroffen, und auch der Lebensmittelhandel gehörte quasi zu den Gewinnern! Wohingegen Gastronomie und Tourismus eindeutig zu den kurzfristigen Verlierern gehören. Im internationalen Maschinen- und Anlagenbau ist bisher noch nicht abschätzbar, welche Folgen uns treffen. Einerseits blockieren und erschweren aktuell internationale Lieferketten, die ins Stocken geraten sind, aber auch Reisebeschränkungen die Inbetriebnahmen bestehender Anlagen. Die langfristigen Auswirkungen aufgrund von Investitionsstops sind zudem noch gar nicht abschätzbar.

Dennoch ist die Frage nach Gewinnern und Verlierern sicherlich eine, die in Abhängigkeit der zeitlichen Komponente zu beantworten und zu bewerten ist. Auch hier gilt langfristig sicherlich, dass jene Unternehmen zu den Gewinnern zählen werden, die in der Lage sind sich flexibel, unkompliziert und effizient an die neuen Gegebenheiten anzupassen und ihre Innovationskompetenz unter Beweis stellen.

„Stellen, für die spezielle Kenntnisse erforderlich sind, werden nach wir vor besetzt“

Kristina Knezevic: Welche Stellen werden nach wie vor besetzt und welche nicht?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Die Unternehmen trachten derzeit danach, die bestehenden Mitarbeiter zu halten. Deshalb werden Stellen, deren Aufgaben von anderen Mitarbeitern übernommen werden können, vorrangig nicht nachbesetzt. Stellen hingegen, für die spezielle Kenntnisse erforderlich sind, werden nach wir vor besetzt, unabhängig davon, welche Bereiche es im Unternehmen betrifft. Sicherlich zählen gerade in Zeiten in denen die „Kostenseiten“ eines Unternehmens im Blickpunkt stehen vor allem Finanzpositionen (wie Buchhaltung, Personalverrechnung und Controlling) zu jenen, die besetzt sein müssen. Zudem werden Positionen im Bereich „Digital“, IT, E-Commerce nach wie vor besetzt.

Kristina Knezevic: Werden neue Wünsche/ Aufgaben von den Kunden an Sie herangetragen?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Derzeit ist noch kein Trend absehbar – teilweise wird von manchen Unternehmen Beratung in der Unterstützung digitaler Prozesse und Kompetenzen im Recruiting angefragt, doch aktuell kann man noch nicht von Trends sprechen. Unserer Einschätzung nach steht eine Veränderung des Arbeitsmarktes erst bevor. Wie sich in ein paar Monaten die Personalsuche gestalten wird, ist noch nicht absehbar. Auf jeden Fall ist ein sehr starker Schub Richtung Digitalisierung, Homeoffice, agile Teams erkennbar. Unternehmen sind derzeit noch sparsam, wenn es um persönliche Kontakte geht.

Kristina Knezevic: Gibt es Umsatzeinbußen in der Personalvermittlungsbranche?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Ja, es werden aktuell weniger Positionen besetzt als noch zu Beginn des Jahres. Ob und wie schnell sich das wieder korrigieren wird ist jetzt noch schwer einschätzbar. Positionen, die mit externen Partnern besetzt werden, verringern sich. Auch die Branche selbst wird sich konsolidieren. Jene, die starke Kundenbeziehungen haben, denen es gelingt flexibel, wendig, agil auf die aufkommenden Kundenbedürfnisse zu agieren und diese vorherzusehen, werden auch weiterhin als Partner in der Wirtschaft geschätzt werden.

„Die Unternehmen werden versuchen, die guten Leute zu halten“

Kristina Knezevic: Ist es schwieriger geworden High Potentials zu finden? Hat sich hier etwas getan?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Derzeit ist hier keine Erleichterung zu erkennen. Unternehmen stellen fest, dass man in Krisenzeiten noch besser erkennt, welche Mitarbeiter für das Unternehmen wertvoll sind und welche eventuell nur mitschwimmen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass in der zweiten Jahreshälfte eine Konsolidierung beginnt, so werden die Unternehmen versuchen die guten Leute zu halten.

Kristina Knezevic: Wie haben Sie in den letzten 8 Wochen rekrutiert, wie rekrutieren Sie jetzt?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Unser Recruitingprozess ist seit Jahren digital gestützt und bestmöglich automatisiert. Der Transfer von Bewerberinformationen passiert von der Bewerbung bis zur Anstellung ohne Systembruch, und bindet sogar unsere Auftraggeber DSGVO-konform ein. Was sich jedoch verändert hat ist der persönliche Kontakt mit Bewerbern. Hier werden jetzt bevorzugt Videointerviews zur Vorselektion eingesetzt. Für die finale Entscheidung legen jedoch fast alle unserer Kunden noch immer Wert auf ein persönliches Kennenlernen. Wir führen deshalb auch wieder persönliche Interviews durch – wenn auch das Videointerview zunehmend an Bedeutung gewonnen hat und „normal“, salonfähig geworden ist.

„Wie wichtig und hilfreich die XING Produkte für das Recruiting sind“

Kristina Knezevic: Wie hilft Ihnen XING in der aktuellen Situation die Arbeitsprozesse aufrecht zu erhalten bzw. zu verbessern?

Alexandra Eperjesi-Hefner: XING ist für uns unabhängig von Corona immer schon eine „zweite Datenbank“ über die wir mit Bewerbern und Kunden in Kontakt stehen. Durch Corona hat sich an der Bedeutung und Notwendigkeit nichts geändert, uns ist eher erneut bewusst geworden, wie wichtig und hilfreich die XING Produkte für das Recruiting sind.

Kristina Knezevic: Was funktioniert jetzt anders/ besser/ schlechter?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Der Teamzusammenhalt, die Motivation und die Begeisterung der persönlichen Momente muss anders gezeigt werden – das ist sicherlich ein Faktor, den es nun zu lernen gilt. Ich bin überzeugt davon, dass ein agiles Team digital perfekt funktionieren, Spaß haben und sich gegenseitig motivieren kann. Ich denke jedoch, dass man den persönlichen Moment nicht ersetzen kann. Jede Art der Arbeit, ob digital oder persönlich, hat seine besonderen Qualitäten und Vorteile, doch die Verschränkung beider macht und wird zukünftig erfolgreiche Teams ausmachen.

Was wir gelernt haben, ist noch strukturierter und effizienter zu arbeiten. Aufgrund des Homeoffice ist es nicht mehr möglich schnell zum Schreibtisch eines Kollegen zu gehen und zu fragen. Es steigt dadurch die Notwendigkeit, Informationen sauber und nachvollziehbar für andere zu dokumentieren. Aber wir merken zugleich, dass dies in weiterer Folge eine Effizienzsteigerung bedeutet, zum Beispiel wenn wir Bewerber erneut für Positionen ansprechen und ohne Rückfragen auf dokumentierte Informationen zurückgreifen können.

„Ich persönlich habe die Krise immer als Chance gesehen“

Kristina Knezevic: Was können Sie aus der Krise lernen? Können Sie etwas Positives aus der Krise ziehen?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Ich persönlich habe die Krise immer als Chance gesehen. Viele Unternehmen bekommen nun einen enormen Schub in Richtung Agilität, Digitalisierung und unternehmerisches Denken. Innovationspotenziale werden in den Unternehmen identifiziert, Homeoffice wurde in Bereichen etabliert, in denen es vorher undenkbar war auch nur Homeoffice anzubieten und Teams zeigen einen besonderen Zusammenhalt und leben ihren Teamspirit in virtuellen Teammeetings.

Kristina Knezevic: Was von den „neuen Arbeitsweisen/-prozessen“ wird auch nach der Krise bei Ihnen im Unternehmen bleiben?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Nach der Krise wird Homeoffice, sowie Teamspirit und Teamzusammenhalt bleiben. Auch eine starke Kundenbindung wird bestehen bzw. wir werden noch stärker zusammenwachsen als vorher. Zuletzt noch der Mut mehr Neues zu wagen, da die Krise vielen Unternehmen gezeigt hat, dass Digitalisierung leichter möglich ist als zuvor gedacht.

„Die Veränderung wird die Konstante bleiben“

Kristina Knezevic: Ausblick: Wie geht es weiter? Was wird nach der Krise sein? Einschätzung für ihre Branche?

Alexandra Eperjesi-Hefner: Für mich ist nach der Krise jetzt! Es gibt kein weiteres „nach der Krise“, wo alles wieder „normal“ sein wird. Diese Veränderung wird die Konstante bleiben.

Wirtschaftlich betrachtet wird das gesamte Auftragsvolumen aus den verschiedenen Branchen, auf welches wir zugreifen können, geringer als in den Jahren zuvor – die Art der Dienstleistung wird sich mitunter verändern. Dies wird zwangsweise zu einer Konsolidierung auch in unserer Branche führen. Wir sind jedoch überzeugt, dass auch zukünftig Personalberater eingeschalten werden, wenn es um die Besetzung von Schlüsselpositionen geht. Abhängig davon, wie sich in den nächsten Monaten der Arbeitsmarkt entwickelt, wird sich auch zeigen welche Aufgaben auf Personalberater abseits dieser Spezialistenpositionen zukommen.

Gundula Rauch ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien.
Ein Artikel von Gundula Rauch

Gundula ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien. An der Universität Wien studiert sie im Master Arbeits- und Organisations-Psychologie.