Interview

Agenturchefin löst Büroarbeitsplätze für Mitarbeiter auf

Nadine Borter

"Wer Routine sucht, wird sich bei uns gar nicht erst bewerben."

Firmeninhaberin und -chefin Nadine Borter überraschte Kunden und Mitarbeiter im vergangenen Jahr mit der Nachricht, dass ihre Agentur zum "urbanen Nomadentum" konvertiert. Sprich: Sämtliche Büroarbeitsplätze der Berner Werbeagentur Contexta wurden aufgelöst, sie und ihre Mitarbeiter gehen seitdem auf Wanderschaft und bauen provisorische Büros in Kundennähe auf. Wie und ob das gelingt, erzählt Nadine Borter im Interview.

Frau Borter, Sie haben sich im vergangenen Jahr dazu entschieden die Büroräumlichkeiten Ihrer Werbeagentur Contexta aufzulösen, um direkt bei Ihren Kunden vor Ort sein zu können. Haben sich Ihre Erwartungen, die Sie an das Modell des "urbanen Nomadentums" stellen, erfüllt?

Nadine Borter: Wir glauben, die besten Ideen entstehen nicht durch Ordnung, Dienst nach Vorschrift oder schicke Büros, sondern durch Bewegung, Abenteuer und freies Denken. Wir suchen deshalb für unser Nomaden-Büro immer Orte aus, die nahe bei den Menschen sind, uns beseelen und bereichern. Wir gehen zu den Kunden unserer Kunden. Wir starteten im Freibad Letzigraben, zogen dann weiter in die Jugendherberge Wollishofen und sind nun zu Gast im grössten Esszimmer der Schweiz, dem Pizzakurier dieci.

Meine Erwartungen wurden übertroffen. Denn das kreative Nomadentum fördert nicht nur innovative Ideen, sondern schweisst das Team zusammen. Wir mögen komplett unterschiedliche Charaktere sein, doch was uns vereint ist ein gemeinsames Nomaden-Mindset. Dieses Mindset macht aus Problemen Lösungen, aus Silos Teamplay, aus Tunnelblick frische Ideen, und führt schliesslich zu besserer Arbeit.

Agenturchefin löst Büroarbeitsplätze für Mitarbeiter auf

Die Werbeagentur Contexta zeigt, dass man überall arbeiten kann: Das Nomadentum begann für die Mitarbeiter im Sommer 2019 im Freibad Letzigraben (Fotoquelle: Contexta)

Welchen Tipp möchten Sie anderen Agenturen oder Unternehmen, die sich einen solchen Schritt überlegen mit auf den Weg geben?

Nadine Borter: Der Schritt ins kreative Nomadentum war für uns der letzte konsequente Schritt eines Prozesses, den wir vor gut zwei Jahren gestartet hatten. Diese Art zu arbeiten, gehörte schon immer zu uns. Mit dem Nomadentum haben wir sie einfach institutionalisiert. Unser Tipp ist deshalb, dass man gut überlegt und unbeirrt seinen eigenen Weg gehen soll.

Wie ist das neue Arbeitsmodell bei Ihren Mitarbeitenden angekommen?

Nadine Borter: Für die einen ist unsere Art zu arbeiten der Himmel, für die anderen die Hölle. Für unser Team ist es Ersteres. Wir wollen in Bewegung bleiben, darum quartieren wir uns einfach mitten im Leben ein. Durch den regelmässigen Wechsel der Location sorgt schon der Arbeitsweg für Inspiration und immer wieder neue Impulse. Wo die Agentur als nächstes Station macht, wird dabei im Team entschieden. Auch den Umzug zelebrieren alle gemeinsam. Und dies ohne grössere Anstrengung: Schliesslich dauert es weniger als einen Tag, das neue Contexta-Büro an einem Ort zu packen und am nächsten aufzubauen.

Wie findet sich das Team nun zu Besprechungen zusammen?

Nadine Borter: Wir gestalten unseren Alltag mit nur drei Regeln. "9 to 5" ist unser Zeitkorridor, wo wir alle physisch zusammen sind und gemeinsam die Projekte vorwärtsbringen. "Hate-it-change-it" ist unsere Devise der Selbstverantwortung und "All aboard" verpflichtet uns, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Dicke Mitarbeiterhandbücher sucht man bei uns vergebens.

Wie reagieren Kandidaten im Recruiting auf diese Art zusammenzuarbeiten und welche Fragen stellen Ihre Kandidaten dazu?

Nadine Borter: Unser Nomaden-Mindset hilft uns beim Recruiting. Wer Routine sucht, wird sich bei uns gar nicht erst bewerben. Wer selber im Herzen ein kreativer Nomade ist, kommt zu uns. Die Zahl der Bewerbungen hat spürbar zugenommen.

Was machen Sie mit dem Geld, das Sie nun bei der Miete sparen?

Nadine Borter: Für uns war der Schritt ins kreative Nomadentum eine Investition in unsere Unternehmenskultur. Unser Nomaden-Büro ist von einem renommierten Designstudio entwickelt worden, unsere Mitarbeitenden erhalten ein Generalabonnement der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), damit wir mobil sind, und die Locations suchen wir uns nicht nach Mietkosten, sondern nach grösster Inspiration.
 

Anna Hadorn
Ein Artikel von Anna Hadorn

Anna sorgt für frischen Content auf den XING Kanälen. In ihrer Freizeit liebt es die schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin gemütlich zuhause mit einem guten Buch zu entspannen oder schwungvoll über die Salsa-Tanzfläche zu wirbeln.