Cédric Waldburger im Interview

«Heute kann man es sich gar nicht mehr leisten, nicht mit Remote-Mitarbeitern zu arbeiten»

Fotocredit: Cédric Waldburger

Cédric Waldburger kannte sich bereits vor Corona mit Remote-Arbeit bestens aus: Der Schweizer Unternehmer hat seit vielen Jahren bewusst keinen festen Arbeitsort und verbrachte viele Jahre in London, Berlin und New York. Auch als Investor konzentriert er sich auf Start-ups mit einer „Global-First-Mentalität“, also auf Unternehmen, die ihre Firmenkultur unabhängig von einem geografischen Ort aufbauen, ganz so, wie er selbst. Sein Unternehmen Tomahawk.VC lancierte vor Kurzem einen Fonds, der in genau solche Startups investiert. Welchen Einfluss Corona auf sein Unternehmertum hat und welchen ultimativen Recruiting-Tipp Cédric Waldburger verwendet, um aus der Bewerbermasse die besten Kandidaten auszuwählen, erfahren Sie in diesem Interview.

Vor Corona warst Du 300 Tage pro Jahr in der Welt unterwegs. Wie hat Corona Dein Berufsleben verändert?

Cédric Waldburger: Natürlich bringt COVID einige Herausforderungen für mein persönliches Umfeld und einige meiner Investments. Ich sehe in der Krise aber auch Raum für positive Veränderungen. Zum Beispiel bin ich früher oft nur für einzelne Meetings an andere Orte gereist: Für ein Board Meeting nach Berlin, ein Kennenlernen mit Gründern nach Paris oder für eine Konferenz nach San Francisco. Obwohl ich es spannend finde, von Zeit zu Zeit an neuen Orten zu sein, hat diese Art von Reisen mich viel Energie gekostet und war ökologisch nicht vernünftig. Durch COVID wurde es zur Normalität, auch persönliche Treffen virtuell abzuhalten.

Wie und wo hast Du während dem Lockdown gearbeitet?

Cédric Waldburger: Ich habe seit 2019 eine Wohnung in meinem Heimatland, der Schweiz. An dem Tag, als hier der Lockdown angekündigt wurde, bin ich aus Berlin zurückgereist und habe vier Monate hier verbracht. In dieser Zeit habe ich sehr intensiv und produktiv an meinen Routinen, Arbeitsabläufen, Strukturen und langfristigen Zielen arbeiten können. Das habe ich sehr genossen. Die letzten vier Wochen habe ich in Portugal verbracht - den Grossteil davon mit beruflichen Aktivitäten um das portugiesische Startup-Ökosystem besser kennen zu lernen.

Da unser Team sowieso schon in verschiedenen Ländern verteilt ist, sind wir es uns gewohnt, hauptsächlich virtuell miteinander zu kommunizieren und zu arbeiten. Um auch das persönlicher zu gestalten, haben wir uns im Lockdown einige Aktivitäten überlegt, die wir virtuell gemeinsam unternehmen. Ein Beispiel ist unsere Trivia-Session, die wir jeweils freitags im Team veranstalten.

Warum fokussierst du dich auf Investments in Startups, die ihre Firmenkultur unabhängig von einem geografischen Ort aufbauen?

Cédric Waldburger: Ich habe vor zwölf Jahren selbst angefangen, ortsunabhängig zu arbeiten. Damals war das noch deutlich schwieriger – eine Breitband-Internet-Verbindung war nicht überall einfach zu finden und hilfreiche Tools wie Slack oder Zoom waren damals noch ein Fremdwort. Trotzdem hat mir das ortsunabhängige Arbeiten Zugang zu einem viel grösseren Talent-Pool verholfen und neue Möglichkeiten geboten.

Heute ist das Arbeiten auf Distanz viel einfacher geworden und ich glaube, dass man es sich gar nicht mehr erlauben kann, nicht mit Remote-Mitarbeitern zu arbeiten. Die Opportunitätskosten sind einfach zu gross geworden.

Kannst Du ein Schweizer Beispiel nennen, an dessen Erfolg du glaubst und das ortsunabhängig tätig ist?

Cédric Waldburger: Während es weltweit schon eine unüberschaubare Anzahl an Remote-First Firmen gibt, sind die Beispiele aus der Schweiz noch eher rar. Weltweit zählen Automattic (die Firma hinter Wordpress.com) oder 37signals (die Macher von Basecamp) zu den prominenten Beispielen. Wir haben mit dem Produktivitätstool Sendtask.io in der Schweiz in ein Unternehmen investiert, das ebenfalls ein komplett ortsunabhängiges Team hat.

Wie hast Du Dein Team während Corona organisiert?

Cédric Waldburger: Im Kern-Team treffen wir uns regelmässig persönlich, aber sonst waren wir es uns schon gewohnt, virtuell zu arbeiten. Insofern war die Umstellung bei uns intern fast nicht spürbar. Es war jedoch spannend zu sehen wie die Unternehmen, in welche wir investieren, mit der Situation unterschiedlich umgegangen sind. Einige konnten es nicht erwarten wieder ins Office zurückzukehren und andere haben das Home Office auf unbestimmte Zeit verlängert, weil sie damit so zufrieden waren.

Du rekrutierst für Dein Unternehmen Menschen aus aller Welt. Auf was achtest Du dabei, damit ein so globales Team gut funktioniert?

Cédric Waldburger: Unsere Mitarbeitenden sind tatsächlich in der ganzen Welt zu Hause: von den USA über Europa bis hin zu Armenien und den Philippinen. Wichtiger als die Geografie sind für uns die Fähigkeiten und die Motivation, die ein Mitarbeiter mitbringt. Unsere Gespräche führen wir intern alle auf Englisch, auch mit den Kollegen, die Deutsch sprechen. Das tun wir, um alles für jedes Team-Mitglied einfach zugänglich zu machen. Darum sind gute Englischkenntnisse bei uns zentral. Denn: Sich gut ausdrücken zu können ist in einem geografisch verteilten Unternehmen noch wichtiger als in einem zentralisierten.

Hast du zum Schluss noch einen ultimativen Recruiting-Tipp?

Cédric Waldburger: Wenn wir eine Stelle ausschreiben, erhalten wir in der Regel sehr viele Anfragen aus der ganzen Welt.  In der Vergangenheit waren wir deshalb mit der Menge an Bewerbungen schnell überfordert. Deshalb haben wir uns einen kleinen Stolperstein überlegt: Im Stelleninserat geben wir vor, was die Betreffzeile der Bewerbung sein soll. Zum Beispiel “I am the Marketing Expert you’re looking for”.

Alleine mit dieser kleinen Hürde können wir 85 Prozent der Bewerbungen aussortieren. Wir haben uns noch weitere Tricks überlegt und schaffen es so, aus 800 Bewerbungen die besten drei innerhalb von zehn Stunden auszusortieren. Wie das geht, habe ich in einem Video dokumentiert.

Ein Artikel von Yvonne Miller

Yvonne schreibt und netzwerkt für XING aus unserem Office in Zürich. Nebenbei ist sie Dozentin für Social Media, besteigt die Alpen auf der Suche nach dem schönsten Bergsee und liebt guten Kaffee.

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