Interview

Was passiert, wenn die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten selbst wählen?

Hermann Arnold ist Mitgründer und Vorsitzender der Schweizer Haufe-umantis AG

"Es wurde immer schwieriger, demokratische Wahlen zu organisieren"

Was passiert, wenn die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten selbst wählen? Gesagt, getan: Vor rund sieben Jahren begann der Schweizer Softwareanbieter Haufe-umantis ein demokratisches Experiment. Jeder Mitarbeiter konnte sich für eine Führungsrolle zur Wahl stellen. Jetzt hat Haufe-umantis diese Massnahme beendet und durch einen nicht minder transparenten und modernen Prozess ersetzt. Wie es zu dieser Entscheidung kam, erklärt Hermann Arnold, Mitgründer und Vorsitzender von Haufe-umantis, im Interview.

Herr Arnold, wie geht es Haufe-umantis in Zeiten von Corona?

Hermann Arnold: Auch für Haufe-umantis ist die wirtschaftliche Lage herausfordernd. Gleichzeitig haben wir im letzten Jahr Angebote entwickelt, die gerade für diese Zeit und die Zeit danach wie gemacht scheinen: Einen Marktplatz für interne Mobilität inklusive e-Lernen, eine mobile Anwendung für unmittelbares Feedback, eine Lösung zur Steigerung von Teamleistung ohne Zielvereinbarung und Beurteilung. Die Krise hat uns näher zusammenrücken lassen – obwohl wir aktuell nur virtuell zusammenarbeiten – und zwingt uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Seit 2013 wählten Ihre Mitarbeitenden ihre Führungskräfte selbst und wer zum Chef nicht taugte, trat zurück. Jetzt ist das nicht mehr so. Was ist passiert?

Hermann Arnold: Ausschlaggebend für die Weiterentwicklung unserer Unternehmensdemokratie waren verschiedene Faktoren. Aufgrund des kontinuierlichen Wachstums von Haufe-umantis und der zunehmenden Anzahl von Standorten wurde es in den letzten Jahren immer schwieriger, die demokratischen Wahlen zu organisieren und vor allem den vorangehenden Austausch über die jeweiligen Erwartungen an gute Führung(skräfte) sicherzustellen. Zudem wurden Meinungsverschiedenheiten und Konflikte zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzen teilweise auf den Zeitpunkt der Wahl "vertagt", was einen wichtigen Vorteil der Wahlen, nämlich die Steigerung an Führungsqualität, ins Gegenteil verkehrte. Und nicht zuletzt sind auch gewählte Vorgesetzte Bestandteil einer besonders hervorgehobenen Hierarchie, was den heutigen Anforderungen an agile Unternehmen zunehmend widerspricht.

Seit letzten Sommer praktizieren Sie den "Advice Prozess". Was genau verstehen Sie darunter?

Hermann Arnold: Im Grunde kann heute jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter bei uns als Führungskraft agieren und ihre Kräfte zur Führung nutzen. Denn aufgrund dieses Prozesses ist jede Person in der Lage, jede angemessene Entscheidung zu treffen, wenn sie vorher den Rat aller bedeutsam betroffenen Kollegen und den von Experten eingeholt hat. Die Ratschläge dienen der Verbesserung von Entscheidungen, indem alle Perspektiven eingebracht und bedacht werden. Die Person kann diesen Tipps folgen oder Aspekte davon aufnehmen, muss es aber nicht. Sie kann frei entscheiden und trägt damit auch die volle Verantwortung für ihre Entscheidung.

Was hat Sie damals dazu motiviert, Ihre Mitarbeitenden über den CEO abstimmen zu lassen?

Hermann Arnold: Als ich beschlossen hatte, von meinem Posten als CEO zurückzutreten, hatte ich bereits einen Nachfolger im Kopf, dem ich zutraute, das Unternehmen in die nächste Phase unseres Wachstums zu führen. Doch bei Haufe-umantis hatten wir seit unseren Gründungstagen immer eine basisdemokratische Unternehmenskultur und so war klar, dass ich den Mitarbeitenden nicht einfach einen neuen CEO «vor die Nase setzen» könnte. Wer über alle strategisch relevanten Entscheidungen bis hin zur Frage des Unternehmensverkaufs mitentscheidet, der hat selbstverständlich auch das Recht, über den CEO mitzubestimmen.

Der Entscheidung, Partizipation anders zu gestalten als über Führungskräftewahlen und den «Advice Prozess» einzuführen gingen zahlreiche Diskussionen voraus. Nach der zunehmenden Kritik an den demokratischen Führungskräftewahlen haben wir eine neunköpfige Mitarbeiterversammlung gewählt, die den Auftrag hatte, innerhalb von sechs Monaten einen Vorschlag zur zukünftigen Unternehmensführung von Haufe-umantis zu erarbeiten. Vier renommierte externe Berater unterstützten die Gruppe bei ihrer Arbeit und Frédéric Laloux, der einer dieser vier Experten war, stellte uns dort den «Advice Prozess» vor. An dieser Methode hat uns besonders gut gefallen, dass die Qualität von Entscheidungen so deutlich verbessert werden kann und die Mitarbeitenden noch stärker einbezogen werden.

Wie reagierte die Belegschaft auf diese Entscheidung?

Hermann Arnold: Wie bei uns üblich, haben wir diese Entscheidung nicht ohne unsere Mitarbeitenden getroffen: Sie hatten im Juni 2019 die Wahl zwischen einer verbesserten Form der Führungskräftewahlen und dem «Advice Prozess». Knapp drei Viertel der Mitarbeitenden präferierten dabei diese neue Methode.

Wir sehen in dem «Advice Prozess» den nächsten logischen Schritt in der Unternehmensführung: Aus Wählern werden Entscheider. Führung wird verteilt. Dies zeigt sich auch an den ersten zarten Pflänzchen, die wir in unserem Zwischenfazit sehen: Die Eigeninitiative der Mitarbeiter ist heute in manchen Bereichen stärker als zuvor und auch die Qualität der Entscheidungen steigt durch das Feedback der unmittelbar betroffenen Kollegen und Kolleginnen. Wir haben inzwischen auch weitreichende und teils drastische Entscheidungen wie unsere Massnahmen gegen die Coronakrise so getroffen, was uns auch noch einmal zeigte, dass es sich bei dem «Advice Prozess» um keine «Schönwetter-Veranstaltung», sondern um ein effektives Verfahren für die Unternehmensführung handelt.

Gibt es in Zukunft vielleicht ein Comeback der demokratischen Wahlen?

Hermann Arnold: Das glaube ich persönlich nicht, würde es aber auch nicht gänzlich ausschliessen. Wir entwickeln uns als Unternehmen kontinuierlich weiter und vielleicht kommt wieder einmal eine Phase, in der diese Form der Bestimmung von Führungskräften genau richtig ist – wer weiss das schon? Aktuell fühlen wir uns sehr wohl mit der Entscheidung und haben dennoch noch einen weiten Weg zurückzulegen, bis alles so funktioniert, wie wir uns dies wünschen.

Anna Hadorn
Ein Artikel von Anna Hadorn

Anna sorgt für frischen Content auf den XING Kanälen. In ihrer Freizeit liebt es die schweizerisch-deutsche Doppelbürgerin gemütlich zuhause mit einem guten Buch zu entspannen oder schwungvoll über die Salsa-Tanzfläche zu wirbeln.