Henrik Zaborowski auf der New Work Experience 2019

Warum Personaler zu oft ein realitätsfernes Menschenbild vom Kandidaten haben

Warum Personaler zu oft ein realitätsfernes Menschenbild vom Kandidaten haben

Gute Kandidaten an Land zu ziehen, ist schwierig. Den perfekten Kandidaten zu finden – in vielen Bereichen beinahe unmöglich. Globale Trends wie Digitalisierung, Geburtenrückgänge oder der allgegenwertige Fachkräftemangel lassen annehmen, dass viele Kandidaten den heutigen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt einfach nicht gewappnet sind. Doch ist die Schwierigkeit in der Stellenbesetzung wirklich einzig und allein auf die unzureichenden Kompetenzen der Kandidaten zurückzuführen oder liegt es nicht womöglich am Recruiter selbst, dass er Vakanzen nicht besetzen kann?

Henrik Zaborowski, Recruitingcoach und Redner, hat sich diesem Thema auf der diesjährigen New Work Experience gewidmet und behauptet ganz klar: unrealistische Anforderungen an ein perfektes Kandidatenprofil, verwehren Personalern die Sicht auf versteckte Talente.

Sehen Sie sich jetzt hier den kompletten Vortrag von Henrik Zaborowski auf der New Work Experience 2019 an:

New Work heißt, den Menschen neu zu entdecken

Geprägt von stetiger Effizienzsteigerung, ökonomischen Optimierungsmaßnahmen und zielgerichtete Persönlichkeitsentwicklung bekommen wir in der westlichen Gesellschaft zunehmend eines vermittelt: „Du kannst alles sein, was du willst.“ Dieser Glaube verspreche einerseits eine Vielzahl an Möglichkeiten, doch kreiere er auch gleichzeitig einen ungeheuren Druck, erklärt Henrik Zaborowski. Es scheint, als ob viele Personaler zwanghaft an dem Bild des perfekten Kandidaten festhalten – getreu dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“. So wartet der Personaler in der Hoffnung, irgendwann den Kandidaten zu finden, der in der Stellenanzeige beschrieben ist.

Henrik Zaborowskis Schlussfolgerung: Wir leider unter einem realitätsfernen Menschenbild. Doch woher kommt dieses Verhalten? Hierzu nimmt der Redner seine Zuhörer auf eine kleine Reise in die Vergangenheit mit. So brannte sich etwa zu Zeiten der Industrialisierung der Gedanke ein, dass alles möglich sei. Die zunehmende Individualisierung des Bürgers spiele ebenso eine Rolle. Unterstützt durch einen wachsenden Sozialstaat werde ihm vermittelt, dass jeder für sein Leid, aber auch für sein Glück verantwortlich ist. Neben biblischen und mythischen Textstellen verweist Henrik Zaborowski außerdem auf Erkenntnisse der modernen Wissenschaft: Aktuelle Ergebnisse der Hirnforschung zeigen ein eingeschränktes Bild des Menschen. Lediglich ein Drittel unserer Persönlichkeit sei demnach veränderbar.
 

„Werde der du bist“ im Arbeitsalltag

Was heißt das nun? Können wir alles erreichen was wir wollen, wenn wir uns nur genügend anstrengen oder ist unser Handeln bereits vorgegeben, limitiert, vom Gehirn fremdgesteuert? Vielleicht etwas von beidem: ausgehend von den Worten Delphis „Werde der du bist“ geht Zaborowski davon aus, dass der Mensch zwar sehr wohl nach einer festen Prädestination gepolt ist, sich aber dennoch entwickeln kann – unter der Voraussetzung eines förderlichen Umfeldes: In der Personalgewinnung sei dies an erster Stelle der Recruiter, der das Potential des möglichen Kandidaten oder eines bestehenden Mitarbeiters erkennt. Im weiteren Verlauf sei auch die Führungskraft gefragt, wenn es um die Weiterentwicklung des Mitarbeiters ginge.

Oft sei es nur das nötige Vertrauen, das benötigt werde, um einen Mitarbeiter zu unermesslichen Fähigkeiten zu verhelfen. Der Recruitingspezialist rät daher den Blick weg vom perfekten Stellenprofil hin zu vermeintlichen „B-Kandidaten“ und bestehenden Mitarbeitern zu öffnen, sich Zeit für die Persönlichkeit zu nehmen, um auf die individuellen Interessen sowie Stärken-Schwächen-Profile eingehen zu können. Denn in der heutigen Zeit, in der sich die Zeit immer schneller drehe, warte man zu lange auf den perfekten Kandidaten. Manchmal liege die Lösung auch direkt vor der Nase: Vielleicht sogar im nächsten Flur – bei den eigenen Mitarbeitern.

Hören Sie mehr vom "Luther des Recruitings" Henrik Zaborowksi in unserer siebten Podcastfolge auf Itunes, Spotify oder Soundcloud.

Franziska Reinecke
Ein Artikel von Franziska Reinecke

Nach einer Kindheit in München und Studium in Wien unterstützt die Weltenbummlerin nun mit Hilfe ihrer linguistischen Grenzerfahrungen das XING E-Recruiting Team im hohen Norden in Hamburg.