Bewerbungsgespräch mit einem Computer:

Löst künstliche Intelligenz die Menschlichkeit ab?

Schick machen für ein Bewerbungsgespräch? Diese Zeiten könnten bald vorbei sein! Immer mehr Firmen setzen anstelle eines persönlichen Kennenlernens bei ihren Vorstellungsgesprächen nämlich auf künstliche Intelligenz. Sei es im Anzug, in Jogginghose oder gänzlich ohne – zukünftig dürfte das Outfit bei Bewerberauswahlprozessen eine ebenso untergeordnete Rolle spielen wie die Körpersprache oder der Handshake eines Kandidaten. Stattdessen plaudern die potenziellen Mitarbeiter via Telefon mit einem Computer – über ihr Wochenende, ihre Gewohnheiten oder einfach ein wenig Smalltalk.

Dabei muss es nicht einmal unbedingt um Qualifikationen, Erfahrungen, berufliche Ziele oder Soft Skills gehen. Der Bewerber muss sich keine Antworten mehr zurechtlegen oder in Selbstvermarktung üben. Und dennoch sollen diese digitalen Bewerbungsgespräche eine höhere Erfolgsquote besitzen als das herkömmliche Vorstellungsgespräch unter vier, sechs oder mehr Augen beziehungsweise ein Assessment Center. Also: Was steckt hinter dem Bewerbungsgespräch mit einem Computer und macht er menschliche Entscheidungen bald überflüssig?

Künstliche Intelligenz achtet nicht auf das „Was“, sondern auf das „Wie“

Inwiefern soll es für eine Personalentscheidung förderlich sein, die Gewohnheiten des Bewerbers am Wochenende zu kennen? Diese Frage macht deutlich, dass die künstliche Intelligenz ein Umdenken im Bereich der Bewerberauswahlprozesse erfordert. Tatsächlich lässt sich nämlich viel mehr über die Persönlichkeit eines Menschen herausfinden, wenn anstelle des Gesagten darauf geachtet wird, wie der Bewerber spricht. Genau hier setzt die künstliche Intelligenz an: Sie wertet im Bewerbungsgespräch via Telefon nicht den Inhalt aus, sondern Faktoren wie die Wortwahl oder die Sprechgeschwindigkeit.

„Kandidaten führen ein zehn- bis 15-minütiges Telefonat mit einem Computer. Die Sprachprobe wird von einer auf künstlicher Intelligenz beruhenden Anwendung analysiert. In dem Gespräch geht es nicht um die Inhalte des Gesprochenen, sondern um bis zu 500.000 Sprachbausteine. Über einen Vergleich dieser Muster mit Tausenden psychologisch fundierten Referenzdaten werden sehr präzise Aussagen über Persönlichkeit und sprachliche Wirkung getroffen“, erklärt Herr Thomas Belker, Vorstandssprecher der Talanx Service AG und Personalverantwortlicher, das Verfahren.

 

Thomas Belker

„Wir nutzen seit etwa gut einem halben Jahr ein neues innovatives Verfahren für die Besetzung bestimmter Führungspositionen, das in einer bislang nicht bekannten Art eignungsdiagnostische Ergebnisse erzielt. Dabei nutzt das Verfahren etablierte psychologische Erkenntnisse.“ Damit fungiert die Talanx Service AG als ein Vorreiter in Deutschland, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz in Bewerbungsprozessen geht.

Wirkt der Bewerber eher offen oder autoritär? Wie steht es um seine Kontaktfreude oder Leistungsbereitschaft? Nach dem Vorstellungsgespräch via Telefon errechnet der Computer ein umfassendes Charakterbild und gibt dem Bewerber unmittelbares Feedback.

„Der Prozess wird sehr gut aufgenommen. Viele sind überrascht, wie sehr sie sich selbst wiedererkennen. Auch Führungskräfte, die schon eignungsdiagnostische Verfahren erlebt haben, sind beeindruckt von der Einschätzung durch die „Maschine“. Vorab wird den Bewerbern genau mitgeteilt, worum es sich bei der Analyse handelt, und dass das Ergebnis in jedem Fall von einem Experten erläutert wird. Auch besteht für jeden immer die Möglichkeit, alle Daten wieder löschen zu lassen. Bisher hat noch kein Bewerber den Prozess abgebrochen“, führt Belker weiter aus. Das Ergebnis wird anschließend durch einen Experten ausgewertet und dient als Grundlage für die weitere Auswahl von Kandidaten.

Künstliche Intelligenz legt das „persönliche Fundament“ eines Menschen offen

Die Auswertung des zehn- bis 15-minütigen Telefongesprächs findet anhand der sogenannten stabilen Persönlichkeitsmerkmale psychologischer Diagnostik statt. Simpel ausgedrückt, wird im Rahmen der Analyse also das „persönliche Fundament“ des Kandidaten gemessen und damit die grundlegenden Ressourcen für wirksame Führung. „Ergänzend nimmt das Tool die Beurteilung der Veränderungsbereitschaft als Schlüsselkompetenzen für erfolgreiche Veränderungsprozesse, den „Change Fit“, in den Blick. Er stellt eine innovative Erweiterung des Spektrums der Persönlichkeitsbetrachtung dar. So entsteht eine Persönlichkeitsbetrachtung, die für die Auswahl und die Entwicklung von Führungskräften sowie für die Analyse von Teams eine neue Qualität und Tiefe erzielt“, erläutert Thomas Belker der Talanx Service AG. Die Vorteile liegen also auf der Hand: Künstliche Intelligenz bietet ein umfassendes und vor allem objektives Persönlichkeitsprofil des Bewerbers, welches in dieser Form in keinem persönlichen Vorstellungsgespräch erfasst werden könnte.

KI in Bewerbungsprozessen: Die Vorteile liegen nicht nur in der Jogginghose

Aus Arbeitgebersicht ist die präventive Verhinderung jeder Form der Diskriminierung aber nur ein Vorteil. Der Einsatz künstlicher Intelligenz in Bewerbungsprozessen ist zudem schneller und günstiger als bei herkömmlichen Auswahlverfahren wie Einzel- oder Gruppen-Assessment Centern. Gleichzeitig profitieren auch die Kandidaten vom Telefonat mit dem Computer: Sie können nicht nur in Jogginghose gemütlich zu Hause auf dem Sofa sitzen, während sie sich auf ihren Traumjob bewerben, sondern sparen sich dadurch auch Zeit, Kosten und Nerven. Weite Anreisen sind zumindest im ersten Bewerbungsschritt nicht mehr notwendig. Sie erhalten ein umfassendes sowie unmittelbares Feedback und können sie sich ganz auf die Objektivität ihres digitalen Gegenübers verlassen. Künstliche Intelligenz kann innerhalb von Minuten ein eignungsdiagnostisches Profil erstellen. Die Rückmeldungen scheinen eindeutig: Auch, wenn sich viele Bewerber erst einmal überrascht von der Möglichkeit des Verfahrens zeigen, überwiegen in der Regel die Neugierde und schlussendlich die Überraschung über die verblüffend passgenauen Ergebnisse dieses Profils.

Aber wo bleibt die Menschlichkeit?

Dennoch drängt sich vermehrt die Frage auf: Wenn künstliche Intelligenz fortan die Auswahl von Bewerbern übernimmt, wo bleibt dann die Menschlichkeit in Personalentscheidungen? Bei der Talanx Service AG findet zwar nicht in jedem Fall ein persönliches Kennenlernen statt, dennoch entscheidet schlussendlich der Mensch und überbringt anschließend auch die Botschaft – sei sie positiver oder negativer Natur. Belker ist sich jedenfalls sicher:

„Der Trend wird weiter in die Richtung gehen, dass die Personalauswahl von innovativen und digitalen Analysetools unterstützt wird. Die Entscheidung, ob jemand ins Team passt und eingestellt wird, treffen natürlich immer Menschen und das auch erst nach einem persönlichen Kennenlernen des Bewerbers.“

Schlussendlich muss die Jogginghose also doch im Schrank bleiben – spätestens im zweiten Bewerbungsschritt. Wie so oft im Leben, scheint der goldene Weg jener in der Mitte sein: Menschen entscheiden weiterhin über Menschen, jedoch werden digitale Tools zukünftig als Unterstützung an Bedeutung gewinnen. Als wesentlicher Treiber der Arbeitswelt ist die Digitalisierung nämlich unaufhaltsam und ermöglicht neue Arten der Zusammenarbeit. Sie revolutioniert die HR und bringt in diesem Zuge große Herausforderungen mit sich – jedoch auch mindestens ebenso so große Chancen. Diese gilt es jetzt zu ergreifen, um sich in Zeiten des Wandels auch zukünftig als Arbeitgeber behaupten zu können.

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Mirijam Franke
Ein Artikel von Mirijam Franke

Mirijam Franke ist freie Redakteurin und Texterin.