Interview

Frauen führen oft umsichtiger

Frauen in Führungspositionen sind in vielen Unternehmen noch in der Minderheit. Die Unternehmen sind aber in der Regel dabei, dies ändern zu wollen und haben die Vorteile von gemischten Teams auch auf Führungsebene erkannt. Englische Buzzwords wie «Female Leadership Programs» prägen deshalb das Employer Branding. Es gilt fast schon als fortschrittlich, wenn ein Arbeitgeber weibliche Führungspositionen explizit fördert.

Doch, was steckt genau hinter diesen Programmen? Wir haben einen gefragt, der es wissen muss. Reto Parolini leitet die Direktion Personelles des Migros-Genossenschafts-Bund, dem grössten Detailhändler und privaten Arbeitgeber der Schweiz.

Herr Parolini, Sie sind seit letztem Sommer bei der Migros. Wie ist Ihr Eindruck, wie setzt sich die Migros dafür ein, Frauen in Führungsrollen zu befördern und auch dort zu halten?

Wir setzen in erster Linie auf unsere weiblichen Führungskräfte, die den jungen Mitarbeitenden vorleben, was es alles für eine erfolgreiche Karriere braucht. Dazu nutzen wir unter anderem unsere internen Medien, um alle untereinander zu vernetzen und anhand von Vorbildern Anreize zu schaffen. Gleichzeitig rufen wir aktiv zur Teilnahme an entsprechenden Weiterbildungen auf, beispielsweise mit unserem «Advance – Women in Business Workshop». Ein wichtiges Signal geben wir zudem auch dadurch, dass Frauen im Kader der Migros auch Teilzeit arbeiten können, was wir in den Kaderanstellungsbedingungen verankert haben. Wir fördern mit verschiedenen Massnahmen die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist eine Grundvoraussetzung, um vielen weiblichen Führungskräften den nötigen beruflichen Gestaltungsraum zu geben und damit den Frauenanteil im Kader weiter zu steigern. Teams mit einer ausgewogenen Diversität sind nachweislich erfolgreicher, weil Lösungsansätze unterschiedlich betrachtet und Entscheidungsprozesse umfassender angegangen werden.

Im letzten Geschäftsbericht der Migros wurde der «Frauenanteil auf Kaderstufe» mit 30,9 Prozent angegeben. Wie definieren Sie diese Kennzahl?

Reto Parolini

Damit sind weibliche Mitarbeitende gemeint, welche den Kaderanstellungsbedingungen unterstellt sind. Dies sind entweder Personen in einer Führungsfunktion, wie zum Beispiel Team- oder Filialleiterinnen, oder Mitarbeitende, die eine verantwortungsvolle Fachfunktion, z.B. als Senior-Projektleiterin, ausüben.

Haben heute junge weibliche Arbeitskräfte Ihrer Erfahrung nach andere Führungsambitionen als früher?

Ich glaube nicht, dass man die Anforderungen an eine Führungskarriere geschlechtsspezifisch definieren kann. Im Allgemeinen haben junge Arbeitskräfte erhöhte Anforderungen an die Work-Life-Balance, an flexible Arbeitszeiten und -plätze sowie an die Schnelligkeit, mit der sie sich neue Fähigkeiten aneignen wollen. Parallel dazu nimmt die Loyalität zu einem Unternehmen ab, was die Führungsrolle heute anspruchsvoller und interaktiver macht, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Welche Tipps können Sie aus HR-Sicht Frauen auf den Weg geben, die gerne eine Führungsfunktion übernehmen möchten?

Sie dürfen konsequent ihre Visionen und Überzeugungen adressieren und im Alltag einfordern. Anstatt sich das Führungsverhalten der männlichen Kollegen aneignen, lieber sich der eigenen Stärken bewusst werden und diese gezielt in der Führung anwenden. Mutig sein und nicht zögern, wenn ein nächster Karriereschritt angeboten wird. Falls Familienplanung ein Thema ist, sich nicht vor die Entscheidung Kind oder Karriere stellen zu lassen, sondern jenen Arbeitgeber auszuwählen, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt. Letztlich gelten die meisten Anforderungen aber für junge Frauen ebenso wie für junge Männer, die in ihrer Karriere weiterkommen wollen.

Auf was achten Sie bei der Rekrutierung von zukünftigen Mitarbeitern mit Führungsfunktion besonders?

Die Persönlichkeit der Person ist mit Abstand am wichtigsten. Sie soll eine gewinnbringende, inspirierende und empathische Art im Umgang mit ihren Mitmenschen haben, sie muss Visionen und Ideen nachvollziehbar und mit Begeisterung leben und transportieren können. Zudem braucht sie einen Führungsstil, der auf Vertrauen, Eigenverantwortung und Mitarbeiterförderung basiert.

Führen Frauen Ihrer persönlichen Erfahrung nach nicht anders als Männer?

Ich denke in gewissen Ausprägungen schon. Frauen haben ein besseres Gespür für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden im Team. Fairness und partnerschaftliche Zusammenarbeit sind oft etwas ausgeprägter. Zudem entscheiden sie etwas intuitiver und vielleicht umsichtiger als ihre männlichen Kollegen.

Oft liest man: «Frauen stehen ihrer eigenen Beförderung oft selbst im Weg»

Die Situation hat sich in den letzten Jahren gebessert. Im Kaderbereich kämpfen Frauen aber nach wie vor darum, gleich behandelt zu werden wie ihre männlichen Kollegen. Ich merke in der Tat auch, dass sich Frauen öfters weniger zutrauen als ihre männlichen Kollegen. Die Entscheidungsprozesse bei Karriereschritten verlaufen anders und dauern vielleicht manchmal etwas länger. Die Kombination von beruflichen Verpflichtungen, Partnerschaft und, falls gewünscht, einer Familienplanung, werden heute wahrscheinlich sorgfältiger geprüft und abgewägt.

Gundula Rauch ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien.
Ein Artikel von Gundula Rauch

Gundula ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien. An der Universität Wien studiert sie im Master Arbeits- und Organisations-Psychologie.