Interview

„Zwei Drittel der Unternehmen wollen das Recruiting stärker digitalisieren“

Wolfgang Brickwedde ICR

Das Institute for Competitive Recruiting (ICR) unterstützt Unternehmen bei der Recruiting-Optimierung. In regelmäßigen Abständen veröffentlicht das ICR auch fachrelevante Studien. Aktuell befasst sich das Institut mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Recruiting-Verhalten der Arbeitgeber. So läuft seit einigen Wochen eine Umfrage zum Thema – über 500 Teilnehmer zählt die Studie bereits. Mit dem ICR Director Wolfgang Brickwedde sprach ich über die Erkenntnisse.

Aktuell ruft das ICR zur Teilnahme am PulsCheck „Recruiting in Zeiten von Corona“ auf. Was hat Dich dazu bewogen, diese Umfragen durchzuführen?

Wolfgang Brickwedde: Mitte März stand das Recruiting (und wir alle) quasi unter Schock. Viele Fragen stellten sich schnell: Gibt es mit dem Lockdown mehr oder weniger Bewerbungen? Wird die Zeit genutzt, um das Recruiting zu verstärken und sich die besten Talente zu angeln oder schnell zurückgefahren, um den Cash Flow zu stützen? Wie erleben Recruiter die Krise? Wie das Homeoffice?

Alle standen bei diesen Fragen allein davor und wussten nicht, wie die anderen Unternehmen damit umgehen. Um hier Transparenz zu schaffen, habe ich zunächst die Blitzumfrage gestartet. Und jetzt läuft auf vielfachen Wunsch eine ähnliche Erhebung, der Recruiting PulsCheck, der regelmäßig durchgeführt wird und z. B. auch die aktuellen Änderungen der ersten Lockerungen mit darstellen kann.

Was sind die Hauptaspekte der Studie?

Wolfgang Brickwedde: In der Studie geht es zunächst um Fragen, wie die Arbeitgeber die eigene Recruiting Situation wahrgenommen haben. Was stimmt denn nun im jeweiligen Unternehmen, gibt es mehr oder weniger Bewerbungen und wenn ja, für welche Branchen trifft was zu. Danach ging es um die Einschätzung des zukünftigen Recruitings, einmal für die Gesamtwirtschaft und dann für das eigene Unternehmen. Danach ging es in die jetzt drängenden Details: Wie wird jetzt mit Bewerberinterviews und -auswahl umgegangen, wie mit Onboarding? Auch die Frage nach dem Stand der Personalmarketingaktivitäten ist enthalten. Danach ging es um persönliche Erwartungen bzw. Erfahrungen mit dem anstehenden Home-Office. Wen werden die Recruiter vermissen und welche Befürchtungen hegen sie?

Wie ist die Resonanz auf die Umfrage? Wie viele haben bislang teilgenommen?

Wolfgang Brickwedde: Mehr als 10.000 Unternehmen waren eingeladen. An dieser Status Quo Erhebung haben über 500 Arbeitgeber aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen.

Viele fragen sich, wie sich die Corona-Krise kurz- und langfristig auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Kannst Du anhand der bisherigen Ergebnisse bereits eine erste Tendenz ableiten? Suchen Unternehmen weniger?

Wolfgang Brickwedde: Die Corona-Krise trifft das Recruiting tatsächliche sehr hart. Deutlich weniger Bewerber treffen auf deutlich weniger Nachfrage seitens der Unternehmen. Nur wenige Branchen bilden hier die Ausnahmen. Einer der wenigen Lichtblicke ist die IT Branche. Dort wollen 35 Prozent der teilnehmenden Unternehmen ihr Recruiting in der Krise ausbauen.

56 Prozent der teilnehmenden Unternehmen gehen davon aus, dass das Recruiting in der Wirtschaft insgesamt abnehmen wird. Auf die Frage, wie sich das Recruiting im eigenen Haus entwickeln wird, antworten nur 44 Prozent der teilnehmenden Unternehmen, dass es zurückgefahren wird. Die Wahrnehmung der Gesamtentwicklung ist im deutschsprachigen Raum somit deutlich schlechter als die Erwartungen für das eigene Unternehmen. Nur elf Prozent der Arbeitgeber gehen von einem Ausbau des Recruitings aus.

Wir befinden uns jetzt in einer unsicheren Lage. Spürt man das auch bei den Bewerbern? Wie hat sich die Zahl der Bewerber entwickelt?

Wolfgang Brickwedde: Die Mehrheit der teilnehmenden Arbeitgeber (48 Prozent) verzeichnet weniger (32 Prozent) oder sogar deutlich weniger (16 Prozent) Bewerbungen. 44 Prozent haben keine Änderungen im Bewerbungseingang festgestellt. Nur sechs Prozent erhalten mehr oder deutlich mehr Bewerbungen. Weniger Bewerbungen erhalten 50 Prozent der teilnehmenden Unternehmen in der Logistikbranche, gefolgt vom Baugewerbe und dem Handel. In den Branchen verarbeitende Industrie, Life Science, Öffentlicher Sektor geben jeweils über 10 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, mehr Bewerbungen zu erhalten.

Zahlreiche Unternehmen haben erst durch die Corona-Krise Remote Work bei sich eingeführt. Wie gehen Arbeitgeber mit Themen wie Homeoffice, Kandidaten-Interviews per Videokonferenz um?

Wolfgang Brickwedde: Bei Bewerberinterviews in Zeiten von Corona sind zeitgleiche Videointerviews bei 56 Prozent der Unternehmen das Mittel der Wahl. Mehr Telefon- und zeitversetzte Videointerviews: so wollen Arbeitgeber zukünftig Bewerberinterviews führen.

Bezogen auf Candidate Assessments sind die Lager geteilt. Ein Drittel bleibt bei analogen Verfahren, ein weiteres Drittel ist schon digital unterwegs, ein Fünftel will stärker digitalisieren.

Auch beim Cultural Fit Check gibt es eine Zweiteilung. 50 Prozent bleiben bei analogen Verfahren, 20 Prozent prüfen den Cultural Fit digital und 15 Prozent wollen stärker digitalisieren.

Homeoffice ist für die Mehrheit der Recruiter keine besondere Herausforderung. Zwei Drittel haben bereits (teilweise) von zu Hause aus gearbeitet, der Rest ist auf dem Weg dahin. Fast der Hälfte werden allerdings die Kolleginnen und Kollegen fehlen.

Beim Onboarding herrscht die größte Unsicherheit bei den Arbeitgebern. 41 Prozent wissen noch nicht, wie sie ihr Onboarding jetzt darstellen sollen.

Wird sich das Recruiting langfristig aufgrund der in dieser Phase gemachten Erfahrung langfristig verändern? Worauf müssen sich Recruiter künftig einstellen?

Wolfgang Brickwedde: Zwei Drittel der Unternehmen – darunter Betriebe fast aller Größenklassen – wollen das Recruiting stärker digitalisieren. Das Corona Virus scheint ein Katalysator für die bisher schon geplanten Digitalisierungsbestrebungen zu sein. Jetzt muss alles sehr schnell gehen. Einige Unternehmen haben es geschafft, den gesamten Recruitingprozess mit Hilfe schon geplanter Aktivitäten innerhalb von einer Woche komplett, d. h. inkl. Vertragserstellung und Onboarding, zu virtualisieren.

Dabei gibt es beim Vergleich mit dem aktuellen Stand der Digitalisierung einen hohen Aufholbedarf beim Recruiting der KMU. Bei einer Branchenbetrachtung sehen Unternehmen aus den Branchen Rohstoffgewinnung und -verarbeitung, Life Science und Automobilbau den größten Bedarf an der weiteren Digitalisierung des Recruitings. Recruiter sollen also quasi zu Digital Recruitern werden.

Erste Ergebnisse des laufenden PulsCheck zeigen aber schon, dass die Gefahr besteht, dass die Corona-bedingte Begeisterung beispielsweise für Videointerviews nach der ersten Lockerung schon wieder deutlich nachlässt. Nicht alles was jetzt digital läuft, wird auch digital bleiben. Aber zumindest gelten eventuelle Argumente der Digitalisierungsverhinderer, dass „das sowieso nicht digital geht“, nach sechs Wochen erfolgreicher Erprobung nicht mehr.

Weiterführende Infos zu den Ergebnissen der Blitzumfrage finden Sie auf der Website des ICR.

Sie möchten wissen, wie andere Unternehmen mit den ersten Lockerungen umgehen? Dann folgen Sie gerne der Einladung des ICR am aktuell laufenden PulsCheck teilzunehmen.

Yee Wah Tsoi ist für den Recruiting Content zuständig.
Ein Artikel von Yee Wah Tsoi

Yee Wah ist seit 2008 bei XING. Die Bielefelderin (gibt's wirklich!) war dort zuerst in der PR tätig. Seit 2017 ist sie für den Recruiting Content zuständig.