Unternehmen in der Post-Lockdown-Phase

„So hat sich Corona bei uns ausgewirkt“: Vier Arbeitgeber erzählen von ihren Erfahrungen

V.l.n.r.: Mag. Johannes Litschauer (EBCONT), Mag. Vera Futter-Mehringer (twinformatics), Mag. Katharina Polomini (Wien Energie) und Mag. Josef Niki Kernmayer (BIG)

Erfahren Sie, wie die Unternehmen unserer Gesprächspartner mit der Corona-Pandemie umgegangen sind (v.l.n.r.): Mag. Johannes Litschauer (EBCONT), Mag. Vera Futter-Mehringer (twinformatics), Mag. Katharina Polomini (Wien Energie) und Mag. Josef Niki Kernmayer (BIG)

Der Arbeitsmarkt hatte sich durch die Corona-Krise binnen kürzester Zeit radikal verändert – sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitnehmer. Kurzarbeit, Einstellungsstopps, Remote Work und flexiblere Arbeitszeiten waren und sind Realität in Österreich. Nun gewöhnen wir uns langsam an eine „neue Normalität“: Viele Unternehmen sind wieder schrittweise in ihre Büros zurückgekehrt. Doch die Angst vor einem zweiten Lockdown bleibt bestehen, vor allem bei den ansteigenden Infektionszahlen in Österreich und anderen europäischen Staaten.

Wie geht es nun den verschiedenen Branchen in dieser „Post-Lockdown-Phase“? Welche Branchen sind besonders betroffen, welche weniger und was konnten Unternehmen aus der Krise lernen?

Kristina Knezevic, Country Managerin XING Österreich, sprach mit vier Vertretern verschiedener Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen:

  • Mag. Katharina Polomini, Leitung Personal- und Organisationsmanagement von Wien Energie, Österreichs größtem Energieversorger.
  • Mag. (FH) Josef Niki Kernmayer, Teamleiter Personalentwicklung und Recruiting der BIG. Die Bundesimmobiliengesellschaft m.b.H. ist eines der größten Unternehmen im Bereich Gebäudeverwaltung und -neubau.
  • Mag. Johannes Litschauer, CEO des IT-Unternehmens EBCONT mit Sitz in Wien und rund 400 Mitarbeitern.
  • Mag. Vera Futter-Mehringer, Head of Human Resources & Communications der twinformatics GmbH, die sich auf die Entwickelung und das Betreiben von Softwarelösungen für Versicherungsunternehmen spezialisiert.

Höheres Durchschnittsalter der Mitarbeiter erschwert die Situation

Es hätte wohl schlimmer kommen können, aber bislang ist die Baubranche vergleichsweise glimpflich davongekommen. „Lediglich ein kleiner Teil unserer Mieteinnahmen im Retailbereich ist betroffen“, erklärt Josef Niki Kernmayer von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Allerdings sei aktuell nicht klar, wie sich die durch Corona zunehmende Verlagerung der Mitarbeiter ins heimische Büro langfristig auf den Markt auswirkt: „Die stärkere Verankerung von Homeoffice im Arbeitsalltag könnte in der Zukunft noch Spuren hinterlassen.“

Josef Niki Kernmayer von BIG sagt: „Die stärkere Verankerung von Homeoffice im Arbeitsalltag könnte in der Zukunft noch Spuren hinterlassen.“

Josef Niki Kernmayer von BIG sagt: „Die stärkere Verankerung von Homeoffice im Arbeitsalltag könnte in der Zukunft noch Spuren hinterlassen.“

Kurzfristiger kreisen sich Josef Niki Kernmayers Gedanken corona-bedingt um die Gesundheit der Mitarbeiter. „Schwieriger ist für uns die Situation bei den langgedienten Mitarbeitern, die entweder aufgrund des Alters oder/und auch aufgrund von Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören. Mit einem Durchschnittsalter von ca. 44 Jahren trifft uns dies mehr,“ merkt der Teamleiter Personalentwicklung und Recruiting an.

Ohne Elektrizität geht nichts – obwohl Wien Energie auf einem stabilen Fundament gebaut ist, auf das sie sich in schwierigen Zeiten berufen können, ist die Corona-Krise wirtschaftlich nicht spurlos an den Versorger vorübergegangen. So weist die Personal- und Organisationsmanagementleiterin von Wien Energie, Katharina Polomini, auf einen Rückgang des Stromverbrauchs von rund zehn Prozent hin.

IT-Branche profitiert vom Digital-Boom

Die IT-Branche hingegen, darunter auch EBCONT und die twinformactics GmbH, gehört zu denen, die mittel- und kurzfristig eher gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. So habe EBCONT laut CEO Johannes Litschauer durch eine spezielle Vertriebskampagne vielen Unternehmen helfen können, remote-fähiger zu werden. Darüber hinaus habe das Unternehmen einige Ausschreibungen für Neuprojekte und somit renommierte Neukunden gewonnen. Die IT-Branche könne damit im Moment von der Krise profitieren.

Vera Futter-Mehringer von twinformatics GmbH zeigt sich zuversichtlich: „COVID-19 hat in unserem Unternehmen für einen regelrechten Boost an Digitalisierungsmöglichkeiten gesorgt."

Vera Futter-Mehringer von twinformatics GmbH zeigt sich zuversichtlich: COVID-19 hat in unserem Unternehmen für einen regelrechten Boost an Digitalisierungsmöglichkeiten gesorgt."

Auch Vera Futter-Mehringer von der twinformatics GmbH zeigt sich zuversichtlich: COVID-19 hat in unserem Unternehmen für einen regelrechten Boost an Digitalisierungsmöglichkeiten gesorgt. Nicht nur bei uns, sondern auch in unserem Mutterkonzern, der Vienna Insurance Group, der Wiener Städtischen Versicherung und Donau Versicherung hat die Pandemie den Prozess der Digitalisierung erheblich beschleunigt.“

Besonders auf eine spannende Erkenntnis weist Vera Futter-Mehringer hin. So fände sie es interessant, dass sich ihre Kunden bei den Digitalisierungsschritten nun noch mehr Speed wünschen. Auch Kundenzielgruppen, die diese Entwicklungsschritte in der Vergangenheit eher differenziert betrachtet hätten, seien nun auf den Zug aufgesprungen und forderten weitere Digitalisierungsschritte.

„New Normal“: Unter Berücksichtigung zahlreicher Sicherheits- und Hygienerichtlinien in den Büroregelbetrieb

Mit Krisenbeginn haben alle vier Unternehmen fast vollständig auf Homeoffice umgestellt, um soziale und direkte Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Diese Umstellung hat bei den meisten Unternehmen überraschenderweise ziemlich rasch und gut funktioniert.

Katharina Polomini erklärt, dass bei Wien Energie 80 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice gearbeitet haben. Auch Bereiche, die normalerweise im direkten Kundenkontakt stehen, beantworteten während des Lockdowns Anliegen nur noch telefonisch oder per E-Mail.

Katharina Polomini von Wien Energie: Ihr Unternehmen ist seit Juli wieder in halber Auslastung und mit zahlreichen Sicherheits- und Hygienerichtlinien in den Büroregelbetrieb gestartet.

Katharina Polomini von Wien Energie: Ihr Unternehmen ist seit Juli wieder in halber Auslastung und mit zahlreichen Sicherheits- und Hygienerichtlinien in den Büroregelbetrieb gestartet.

In den für die Versorgung kritischen Bereichen – z. B. Kraftwerke, Müllverbrennungsanlagen, Leitstellen und Warten – wurden die Schichtpläne gemäß den Notfallplänen angepasst. Das heißt zum Beispiel, dass die Schichten sich nicht überschneiden und dadurch Kontakte unter Schlüsselpersonal verhindert werden“, verdeutlicht Katharina Polomini. Homeoffice bliebe auch weiterhin ein fixer Bestandteil, dennoch sei das Unternehmen seit Juli wieder in halber Auslastung und mit zahlreichen Sicherheits- und Hygienerichtlinien in den Büroregelbetrieb gestartet.

„Hatten nicht erwartet, dass Mitarbeiter sich so rasch an die Situation anpassen“

Auch überraschend gut läuft das virtuelle Arbeiten für Mitarbeiter der BIG. „Wir hatten es ehrlich nicht erwartet, dass sowohl ältere Beamte als auch Officekräfte und langjährige Mitarbeiter sich so rasch an die Situation anpassen. Natürlich nicht alle –aber zum großen Teil hat das gut geklappt“, freut sich Josef Niki Kernmayer.

Sowohl die Führungskräfte als auch die Mitarbeiter sind gefordert, sich auf die neue Situation des virtuellen Arbeitens einzustellen und dies offen zu besprechen. EBCONT-CEO Johannes Litschauer berichtet, dass alle Mitarbeiter zu 100 Prozent im Homeoffice arbeiten – etwas, das in der IT-Branche auch schon vorher üblich war. Daher war es kein Problem, dass interne wie externe Meetings oder Bewerbungsgespräche online ablaufen.

„Es war fulminant“: Eine Weinverkostung mit dem Team geht auch online

Aber selbst bei IT-Spezialisten gibt es Dinge, die nun anders funktionieren. „Bei EBCONT stehen auch interne Teamevents fest auf der Tagesordnung, das wollten wir auch während der Covid-19 Krise aufrechterhalten. So haben wir die erste ‚EBCONT remote Weinverkostung‘ organisiert“, berichtet Johannes Litschauer.

„Bei EBCONT stehen auch interne Teamevents fest auf der Tagesordnung, das wollten wir auch während der Covid-19 Krise aufrechterhalten", erklärt EBCONT-CEO Johannes Litschauer.

„Bei EBCONT stehen auch interne Teamevents fest auf der Tagesordnung, das wollten wir auch während der Covid-19 Krise aufrechterhalten", erklärt EBCONT-CEO Johannes Litschauer.

„Die Weine wurden vorab jedem Teilnehmer per Post nach Hause zugesandt mit einer genauen Anleitung zur Weinverkostung. Es war ein absolutes Highlight mit über 90 Teilnehmern, verschiedenen Chatrooms und Aktivitäten sowie einer Live-Moderation durch den Winzer. Das Ganze hat über drei Stunden gedauert es war fulminant!“, erinnert sich Johannes Litschauer.

Auch bei der twinformatics GmbH waren ab März alle Mitarbeiter im Homeoffice, wobei besonders auf transparente und häufige Kommunikation zwischen Führungskraft und Mitarbeitern als auch zwischen Mitarbeitern geachtet werde. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei ihnen im Unternehmen sei gegenseitiges Vertrauen, das unabhängig vom persönlich-physischen Kontakt erfolgreich gearbeitet werde.

Recruiting in Zeiten von Corona läuft vorwiegend virtuell ab

Wien Energie setzte in den vergangenen Wochen auf virtuelles Recruiting – was sehr gut funktionierte. Dabei habe insbesondere die gute Employer Brand der Firma geholfen. „Wien Energie ist eine attraktive und verlässliche Arbeitgeberin. Gerade in Krisenzeiten hat sich gezeigt, dass das für Kandidaten besonders wichtig ist. Daher konnten wir weiterhin gute Kandidaten ansprechen bzw. noch weitere Bewerber auf uns aufmerksam machen,“ erklärt Katharina Polomini.

Auch Josef Niki Kernmayer von der BIG bestätigt, dass sie weiter Personal einstellen konnten, wenn auch mit verlangsamtem Tempo und mit nach hinten verschobenen Eintrittsdatum aufgrund eines temporären Einstellungsstopps. Ähnlich wie bei Wien Energie passte auch BIG ihre Recruiting-Maßnahmen den Gegebenheiten an.

Unternehmen und Bewerber gehen bewusster in den Bewerbungsprozess rein

„Wir haben die vorher nur selten verwendeten Telefoninterviews – und nicht verwendeten Videocalls – nun genutzt und unsere Lehren daraus gezogen“, berichtet Josef Niki Kernmayer. Dennoch habe das Unternehmen die finale Entscheidung nur nach einem persönlichem Gespräch gemacht. „Ich denke, dass sowohl die Bewerber als auch die Unternehmen sich genauer informieren und vorsichtiger bzw. bewusster in einen Bewerbungsprozess gehen. Vielleicht auch, weil der Druck bzw. das Tempo in den Unternehmen nicht ganz so hoch ist wie vor der Krise. Ein Wechsel wird jetzt genauer überlegt“, glaubt Josef Niki Kernmayer.

„Wir haben in den letzten drei Monaten 15 neue Mitarbeiter aufgenommen“, sagt EBCONT-CEO Johannes Litschauer. „Unser Fokus liegt momentan auf Seniors mit verschiedenen Programmier-Fähigkeiten. Aus unserer Sicht ist es sogar leichter geworden, passende Kandidaten zu finden, weil mehr Personen ‚auf den Markt geworfen wurden‘.“ Allerdings müsse sich sein Unternehmen auf erfahrene Consultants konzentrieren, weil es im Moment schwerer sei, Juniors auszubilden, weswegen sich der Effekt einigermaßen aufhebe.

Nicht nur Weinproben, sondern auch Vorstellungsgespräche wickelt das IT-Unternehmen remote ab. „Viele (Kandidaten) sind dankbar für diese Möglichkeit, da sie sich dadurch keinem unnötigen Risiko aussetzen müssen,“ merkt Johannes Litschauer an.

Ähnlich positiv berichtet die twinformatics GmbH, die seit Ausbruch der Corona-Pandemie insgesamt 35 Neuaufnahmen zu verzeichnen hat. Vera Futter-Mehringer beschreibt, dass es leichter geworden ist, passende Kandidaten zu finden: „Wir hatten sogar einen erhöhten Zuspruch an Kandidaten. Sicherlich auch aus dem Aspekt heraus, dass unser Segment der IT in der Versicherungswirtschaft zwei fantastische Welten vereint, nämlich eine stabile Arbeitgebermarke kombiniert mit den zukunftsorientierten Aufgabenstellungen von Digitalisierungsprozessen in der Versicherungsbranche.“

Fazit: Die Unternehmen konnten branchenübergreifend aus der Krise lernen

Wien Energie habe als modernes Unternehmen laut Katharina Polomini schon vor der Krise den Digitalisierungsprozess stark vorangetrieben. Das habe sich in den letzten Wochen und Monaten bezahlt gemacht. Es habe sich gezeigt, dass das Arbeiten im Homeoffice hervorragend funktioniert.

Die BIG hat die „Verlangsamung“ der Personaleinstellung während Corona genutzt, um ihr Employer Branding Profil zu überarbeiten und auch die Website Auftritte zu erneuern. Sie gehen davon aus, dass Active Sourcing und der verstärkte Auftritt auf Social Media, wie XING, gerade in Krisenzeiten von Vorteil ist und weiterhin sein wird. Eine klare Positionierung des Unternehmens, gerade in Krisenzeiten, schärfe das Unternehmensprofil besonders. Positiv sehe das Unternehmen das im Zuge der Homeoffice-Arbeit gesteigerte Vertrauen in die Mitarbeiter und den Zusammenhalt in der BIG in schweren Zeiten.

„Konservative“ Homeoffice-Regelungen werden angepasst

„Die IT-technischen Arbeitsmittel und die (Meeting-)Tools bleiben sicher weiter in Verwendung, die haben sich eindeutig bewährt. Ich gehe davon aus, dass wir unsere etwas konservative Homeoffice-Regelung (vor der Krise) ziemlich rasch anpassen werden, auf eine gute neue Variante, mit mehr Gestaltungmöglichkeit durch die Führungskräfte“, fügt Josef Niki Kernmayer an.

„Wir können viel Positives mitnehmen!“, resümiert auch Vera Futter-Mehringer von twinformatics, „Unsere Interpretation der neuen Normalität ist aber generell eine stetige Anpassung an sich rasch ändernde Gegebenheiten. Wir haben Änderungen in unserer Meetingkultur vollzogen, indem wir Besprechungen überwiegend in virtuelle Kanäle verlagert haben und unseren Meeting-Leitfaden überarbeitet. Wir haben auch unsere Kommunikationsprozesse verändert und zwar in dem Sinn, dass wir viel dichter und engmaschiger kommunizieren, über alle hierarchischen Ebenen hinweg, aber auch zentral vonseiten der Geschäftsführung. In diesen neuen Arbeitsstrukturen kann man genauso gute, positive Ergebnisse erzielen wie in den alten Strukturen.“

„Resilienz und Flexibilität gepaart mit Vorsicht sind die Zutaten für ein erfolgreiches Weiterkommen

Employer Branding war und ist auch ein Thema von EBCONT. Das Unternehmen sieht es als wichtiges Mittel und nutzt daher Plattformen wie XING und kununu, um sich gut zu präsentieren. Ihnen ist klar, dass die meisten Bewerber vorab checken, wie ein Unternehmen dasteht und man somit durch ein gutes Arbeitgeberprofil Punkten kann. „Für uns ist das Thema noch lange nicht ausgestanden und ein weiterer Lockdown könnte kommen. Resilienz und Flexibilität gepaart mit Vorsicht sind die Zutaten für ein erfolgreiches Weiterkommen, Covid-19 wird uns noch länger begleiten und die, die sich gut darauf einstellen, werden die sein, die dann auch erfolgreich aus der Krise herauskommen werden“, fasst CEO Johannes Litschauer zusammen.

Gundula Rauch ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien.
Ein Artikel von Gundula Rauch

Gundula ist Werkstudentin im Account Management bei XING E-Recruiting in Wien. An der Universität Wien studiert sie im Master Arbeits- und Organisations-Psychologie.

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