Home blog Recruiting-Wissen Fiese Fragen im Vorstellungsgespräch: D...
Recruiting-Wissen

Fiese Fragen im Vorstellungsgespräch: Das verraten sie über Talente

7 min.
Jetzt teilen!

Ein Vorstellungsgespräch soll Ihnen Einblick in Fähigkeiten, Persönlichkeit und Potenzial von Bewerbenden geben. Doch viele klassische Interviewfragen führen vor allem zu Standardantworten, die Kandidaten bereits mehrfach geübt haben. Wer über diese einstudierten Reaktionen hinausblicken möchte, braucht Fragen, die zum Nachdenken anregen und spontane Reflexion erfordern. Sogenannte „fiese Fragen“ können genau das leisten – wenn man sie richtig einsetzt.

Was sind fiese Fragen im Bewerbungsgespräch?

„Fies“ soll auf keinen Fall heißen, wirklich gemeine oder gar beleidigende Fragen zu stellen. Vielmehr geht es darum, den Gesprächsfluss gezielt zu unterbrechen und das Gegenüber zum Nachdenken zu bringen. Verschiedene Arten von Fragen können das bewirken und dabei ganz unterschiedliche Effekte haben. Dazu gehören:

  1. Stressfragen
  2. Fangfragen
  3. Absurde oder hypothetische Fragen

Was hinter diesen Fragen-Typen steckt und wie sie jeweils funktionieren, erfahren Sie im Laufe dieses Artikels.

Warum sind fiese Fragen so wirksam?

Fiese Fragen sollen das Gespräch weg von den immer gleichen Standardantworten lenken, hin zu solchen, die Authentizität verlangen und offenlegen, wie Bewerber·innen wirklich denken und Probleme lösen. Dabei geht es immer nicht nur um den Inhalt der Antwort. Vielmehr zählt, wie Kandidat·innen mit der Frage umgehen.

Ein Beispiel: Nimmt sich das Gegenüber Zeit, um über eine herausfordernde Frage nachzudenken, oder antwortet es sofort hektisch und unüberlegt? Ersteres signalisiert Ihnen Reflexionsfähigkeit, Ruhe und Selbstbewusstsein, meint Karrierecoach Bastian Hughes:

Die drei Arten fieser Fragen und wie sie funktionieren

1. Stressfragen

Diese Art von Fragen soll gezielt Druck aufbauen. Talente werden dazu gebracht, Farbe zu bekennen und sich authentisch zu präsentieren.

Beispiele für Stressfragen:

  • „Was würde Sie dazu bringen, einen Job zu kündigen?“
  • „Wie hoch ist Ihre Gehaltsvorstellung?“
  • „Warum möchten Sie nach so kurzer Zeit den Job wechseln?“
  • „Was steht nicht in Ihrem Lebenslauf?“
  • „Was unterscheidet Sie von anderen Bewerber·innen?“

Einerseits zeigen Ihnen die Antworten auf solche Fragen, wie sich Bewerbende unter Druck verhalten und spontan Lösungen finden. Andererseits schaffen Sie es, echte Reaktionen hervorzurufen.

Die beruflichen Stationen und selbst zugeschriebenen Skills kennen Sie schon aus den Bewerbungsunterlagen – Stressfragen geben Ihnen einen tieferen Einblick in die echte Person, die vor Ihnen sitzt. Wer unter Druck antworten muss, kann sich nicht auf vorbereitete, sozial erwünschte Antworten berufen.

Bewerbende müssen die „Recruiting-Maske“ abnehmen und zeigen, wer sie wirklich sind. Reagieren sie ruhig und souverän, oder kommen sie ins Schwimmen, sobald das Gespräch von vorhergesehenen Bahnen abweicht?

Whitepaper

Das 1×1 des Bewerbungsgesprächs

In diesem Leitfaden erfahren Sie:

  • … wie Sie freie oder strukturierte Gespräche aufbauen können.
  • … wie Sie Modelle für Fragen im Interview nutzen können.
XING Whitepaper: 1x1 des Bewerbungsgesprächs

2. Fangfragen

Bei Fangfragen geht es darum, Bewerbende bewusst aufs Glatteis zu führen. Wie sie sich dort verhalten, verrät viel über ihre Lernfähigkeit und ihr Vermögen, sich und ihre Umgebung zu reflektieren.

Beispiele für Fangfragen:

  • „Was ist Ihre größte Schwäche?“
  • „Woran merken Sie, dass Sie einen guten Job machen?“
  • „Was ist Ihre größte Stärke?“
  • „Was war Ihr bisher größter Fehler im Job?“
  • „Wann haben Sie im Job das letzte Mal die Regeln gebrochen?“

Auf diese Fragen folgen oft Antworten, die wörtlich aus einem schlechten Karriere-Ratgeber stammen könnten. Sie merken schnell, ob jemand auf diese Fragen ehrlich antwortet oder krampfhaft versucht, die bestklingende Reaktion zu geben. Wer Fehler, Schwächen, aber auch Stärken aufrichtig und schlüssig darlegen kann, hebt sich vom Rest der Masse ab, sagt Bastian Hughes:

Authentische, selbstkritische Antworten auf Fangfragen zeigen Ihnen, dass Sie es mit einer Person zu tun haben, die sich und ihre Handlungen hinterfragt und aus negativen Erfahrungen lernt. Hier zählt nicht die „beste“ Antwort, sondern die, die Reflexionsfähigkeit und Flexibilität signalisiert.

Gefragt nach der größten Schwäche, sagt ein ehrliches „Ich habe manchmal Konzentrationsschwierigkeiten, arbeite aber daran“ deutlich mehr aus als Standardantworten wie „Ich arbeite zu viel“.

3. Absurde oder hypothetische Fragen

Diese Art von Fragen scheint auf den ersten Blick abwegig oder sinnlos, doch verrät sie viel über die Denkweise der oder des Interviewten.

Beispiele für absurde/hypothetische Fragen:

  • „Wie viele Getränkedosen könnte man aus einem Airbus A380 herstellen?“
  • „Wie viele Golfbälle passen in einen Schulbus?“
  • „Wie schwer ist die Stadt Hamburg?“
  • „Wie viele Bananen kann der Durchschnittsmensch in fünf Minuten essen?“
  • „Wozu dienen die Einkerbungen auf einem Golfball?“

Im Idealfall fängt der oder die Kandidat·in nach dem Stellen der Frage an, laut zu denken. Falls nicht, fordern Sie ihn oder sie dazu auf!

Auch hier geht es nicht um die richtige Antwort, sondern die analytischen Fähigkeiten der Bewerbenden. Die Reaktion zeigt Ihnen, ob und wie das Gegenüber an komplexe Probleme herangeht. Lässt es sich überhaupt auf die Spielerei ein? Wenn ja: Aus welchem Winkel wird das Problem angegangen? Wie strukturiert ist der Lösungsansatz?

Mithilfe von absurden Fragen erkennen Sie, wer „out of the box“ denkt und sich von komplexen Fragestellungen nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Bastian Hughes, Karrierecoach

Bastian Hughes ist Karriere-Coach, Autor, Podcaster und Gründer. Als ehemaliger Recruiter mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im Personalwesen unterstützt er Fach- und Führungskräfte bei Bewerbungsprozessen, der Karriereentwicklung und beruflichen Neuorientierung. Seine Expertise teilt er regelmäßig als XING Insider in Beiträgen zu Karriere- und Arbeitsmarktthemen.

Hier ist die Grenze: Persönliche oder übergriffige Fragen im Vorstellungsgespräch

Natürlich möchten Sie möglichst viel über Kandidat·innen erfahren. Wenn Sie vermeiden wollen, Bewerbende zu verschrecken oder sogar rechtliche Konsequenzen zu erfahren, sollten Sie jedoch Fragen aus folgenden Kategorien unbedingt vermeiden:

  1. Fragen zur Familienplanung
  2. Fragen zur sexuellen Orientierung
  3. Fragen zum Alter
  4. Fragen zu ethnischer Herkunft und Nationalität
  5. Fragen zu Religion und Weltanschauung
  6. Fragen zu Behinderungen oder chronischen Erkrankungen
  7. Fragen zur finanziellen Situation

Rechtsgrundlage dafür ist in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). In diesem Artikel erfahren Sie mehr über das Gesetz und seine Auswirkungen.

Wann fiese Fragen eher schaden als helfen

So aufschlussreich unerwartete Fragen sein können: Sie sind kein Allheilmittel. Falsch eingesetzt, können sie sogar dazu führen, dass Sie ein verzerrtes Bild von Bewerbenden erhalten.

Das kann passieren, wenn Fragen ausschließlich darauf abzielen, Kandidat·innen stark unter Druck zu setzen oder bewusst massiv zu verunsichern. In solchen Situationen zeigen Menschen häufig weniger ihre tatsächlichen Fähigkeiten als vielmehr ihre individuelle Reaktion auf Stress. Gerade introvertierte Persönlichkeiten oder Menschen mit wenig Interviewerfahrung können dadurch schlechter abschneiden, obwohl sie fachlich hervorragend geeignet sind.

Darüber hinaus gilt: Nehmen Sie immer Rücksicht auf Bewerbende. Wenn Sie spüren, dass bestimmte Fragen Triggerpunkte treffen, bohren Sie nicht unbedingt weiter nach. Wenn jemand in der Vergangenheit zum Beispiel Mobbing im Job erfahren hat, können Stressfragen zu Teamdynamiken belastend sein. Halten Sie auf Krampf am Thema fest, führt das unter Umständen eher zum Gegenteil des gewünschten Effekts: Kandidat·innen werden verschlossen und die Gesprächsatmosphäre wird getrübt.

Fazit

Richtig eingesetzt, helfen fiese Fragen dabei, hinter einstudierte Antworten zu blicken und mehr über Persönlichkeit, Denkweise und Problemlösungskompetenz von Bewerbenden zu erfahren.

Ob Stressfrage, Fangfrage oder hypothetisches Gedankenspiel: Entscheidend ist nicht die perfekte Antwort, sondern der Umgang mit der Situation. Wer aufmerksam beobachtet, wie Kandidat·innen nachdenken, argumentieren und auf Unvorhergesehenes reagieren, gewinnt oft wertvollere Erkenntnisse als durch klassische Standardfragen. Gleichzeitig gilt: Der Respekt gegenüber Bewerbenden hat immer Vorrang. Gute Interviewfragen fordern heraus, ohne zu überfordern, und schaffen Raum für authentische Begegnungen auf Augenhöhe.

Das könnte Sie auch interessieren

Recruiting-Wissen

7 Gründe, warum das Arbeitszeugnis immer weniger wert ist

Bennet Grüninger
Passive Sourcing

Multiposting neu gedacht: Wie Stellenanzeigen künftig orchestriert werden

Sascha König