Zu niedriges Gehalt, schlechte Führung und hohes Stresslevel: Das sind die drei zentralen Gründe, warum Frauen in Deutschland aktuell über einen Jobwechsel nachdenken. Das zeigt die nach Geschlechtern ausgewertete XING Wechselwilligkeitsstudie 2026, durchgeführt von forsa unter 3.418 sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigen.
Für Recruiting- und HR-Verantwortliche ist das mehr als eine Stimmungsaufnahme. Es ist ein klarer Handlungsauftrag: Wer weibliche Fachkräfte gewinnen und binden will, muss an den strukturellen Rahmenbedingungen arbeiten – nicht nur an der Vergütung.
Wechselbereitschaft leicht gesunken – Unzufriedenheit bleibt
Die Wechselbereitschaft von Frauen ist im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen:
2025: 36 %
2026: 32 %
Zum Vergleich: Bei Männern liegt sie aktuell bei 34 %.

Doch dieser Rückgang ist kein Ausdruck wachsender Loyalität. Laut Dr. Julian Stahl, XING Arbeitsmarktexperte, handelt es sich eher um eine Vorsichtsreaktion auf die wirtschaftliche Lage als um echte Zufriedenheit.
Denn:
- Nur 32 % der Frauen sind sehr zufrieden mit ihrem Job (Männer: 38 %).
- Gleichzeitig nennen wechselbereite Frauen vor allem drei Treiber:
- Zu niedriges Gehalt (37 %)
- Unzufriedenheit mit der direkten Führungskraft (37 %)
- Hohes Stresslevel (36 %)

Auffällig: Fehlende Aufstiegschancen gewinnen stark an Bedeutung. Jede dritte wechselbereite Frau (33 %) sieht aktuell zu geringe Entwicklungsmöglichkeiten – 2025 waren es noch 25 %.
Gerade vor dem Hintergrund, dass Frauen überdurchschnittlich häufig in Teilzeit arbeiten, deutet dies auf strukturelle Karrierebarrieren hin.

Dr. Julian Stahl, XING Arbeitsmarktexperte
„Wenig Aufstiegschancen und ein zu geringes Gehalt, dazu viel Stress und schlechte Führung – kein Wunder, dass einige Frauen unzufrieden im Job sind. Die gesunkene Wechselbereitschaft ist daher weniger ein Ausdruck von Loyalität als eine Vorsichtsmaßnahme angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Zu dem Wunsch nach besseren Karrierechancen kann auch beitragen, dass Frauen überdurchschnittlich viel in Teilzeit arbeiten und hier oft keine Möglichkeiten geboten bekommen, sich beruflich weiterzuentwickeln.“
Was Frauen von einem neuen Arbeitgeber erwarten
Die Wunschliste weiblicher Erwerbstätiger ist klar priorisiert. Ganz oben stehen:
- Langfristige Jobsicherheit (68 %)
- Flexible Arbeitszeiten (65 %)
- Gutes Führungsverhalten (64 %)
- Höheres Gehalt (60 %)
- Sinnstiftende Tätigkeit (57 %)
- Attraktiver Unternehmensstandort (55 %)

Besonders deutlich werden die Unterschiede zu Männern beim Thema Arbeitsmodelle:
- Flexible Arbeitszeiten: Frauen 65 % – Männer 51 %
- Remote-Arbeit: Frauen 48 % – Männer 39 %
Auch Aspekte wie psychisches Wohlbefinden (35 % vs. 25 %), Gesundheitsvorsorge (32 % vs. 26 %) und Diversität (23 % vs. 13 %) sind Frauen wichtiger.
Die zentrale Erkenntnis:
Für viele Frauen geht es nicht nur um Karriere, sondern um die Passung zwischen Arbeit und Lebensrealität.
Geld allein überzeugt nicht
Bemerkenswert für das Recruiting: Ein höheres Gehalt reicht häufig nicht aus, um Bewerbungen auszulösen.
Frauen würden trotz besserer Bezahlung eher verzichten, wenn:
- die Führungskultur schlecht ist (43 %),
- der Standort ungünstig ist (45 %),
- keine Remote-Option besteht (24 %),
- das Unternehmen negative Reputation im sozialen Umfeld hat (29 %),
- Produkte oder Leistungen nicht den eigenen Werten entsprechen (20 %).
Vergütung ist wichtig – aber sie wirkt nur im Zusammenspiel mit Kultur, Flexibilität und Wertorientierung.
Leitfaden
Wechselwilligkeitsstudie 2026 by forsa
Studien-Ergebnisse zu Jobzufriedenheit, Gehalt und Motivation am Arbeitsmarkt
Vor die Wahl gestellt: Frauen entscheiden sich für Zeit
Besonders deutlich werden die Präferenzen in hypothetischen Entscheidungssituationen:
- 69 % der Frauen würden Work-Life-Balance einem höheren Gehalt vorziehen (Männer: 48 %).
- 59 % der Frauen würden mehr Urlaubstage statt mehr Gehalt wählen (Männer: 44 %).
- Gleichzeitig ist Arbeitsplatzsicherheit für beide Geschlechter zentral (Frauen: 86 %, Männer: 79 %).

Diese Zahlen sind kein Lifestyle-Statement. Sie spiegeln strukturelle Realität wider: Frauen übernehmen weiterhin den Großteil der Care-Arbeit. Zeit ist daher kein „Nice-to-have“, sondern ein strategischer Faktor.
Blick ins Rentenalter: Finanzielle Unterschiede wirken nach
44 % der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten können sich vorstellen, über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten.
Bei Frauen spielen dabei häufiger finanzielle Gründe eine Rolle:
- 51 % nennen zusätzliches Geld als Motiv (Männer: 39 %).
- 64 % nennen soziale Kontakte (Männer: 54 %).
Der Hintergrund ist strukturell: Laut Statistischem Bundesamt liegt der sogenannte Gender Pension Gap bei 27,1 %. Alterseinkünfte von Frauen sind also deutlich geringer als die von Männern.
Das bedeutet: Karriere- und Gehaltsunterschiede heute wirken bis ins Rentenalter fort.
Die XING Wechselwilligkeitsstudie 2026
Im Auftrag von XING befragte forsa in der Zeit vom 15. Dezember 2025 bis zum 7. Januar 2026 insgesamt 3.418 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte (Angestellte und Arbeiter·innen) in Deutschland. Die Ergebnisse sind repräsentativ für diese Gruppe.
Was das konkret für Ihr Recruiting bedeutet
Aus HR-Sicht lassen sich drei strategische Hebel ableiten:
1. Führung als Wettbewerbsfaktor begreifen
Unzufriedenheit mit der direkten Führungskraft ist einer der stärksten Wechselgründe. Investitionen in Führungskräfteentwicklung zahlen unmittelbar auf Retention und Arbeitgeberattraktivität ein.
2. Flexibilität strukturell verankern
Flexible Arbeitszeiten und Remote-Optionen sollten nicht als Benefit, sondern als Standard definiert werden – sichtbar in Stellenanzeigen und glaubwürdig in der Unternehmenskultur.
3. Karrierepfade transparent machen – auch in Teilzeit
Fehlende Entwicklungsperspektiven sind ein wachsender Wechseltreiber. Unternehmen brauchen klare, kommunizierte Modelle für Aufstieg, Weiterbildung und Entwicklung – unabhängig vom Arbeitszeitmodell.
Fazit
Die XING Wechselbereitschaftsstudie 2026 zeigt deutlich: Frauen wechseln nicht primär aus Impuls – sondern aus struktureller Unzufriedenheit.

Dr. Julian Stahl, XING Arbeitsmarktexperte
„Die Ergebnisse zeigen, dass viele Frauen stärker darauf achten, wie gut Arbeit zu ihrem Leben passt. Flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsvorsorge oder das psychische Wohlbefinden sind keine Zusatzangebote, sondern zentrale Rahmenbedingungen. Sie spiegeln die Lebensrealität vieler Frauen wider – zwischen beruflicher Verantwortung und weiteren Aufgaben außerhalb des Jobs. Arbeitgeber, die das berücksichtigen, können ihre Attraktivität nachhaltig erhöhen.“
Wer weibliche Fachkräfte gewinnen und halten möchte, muss mehr bieten als Gehalt. Entscheidend sind:
- Führungskultur
- Flexibilität
- Gesundheitsorientierung
- Entwicklungsperspektiven
- Arbeitsplatzsicherheit
Recruiting wird damit zur strategischen Kulturfrage. Unternehmen, die diese Faktoren ernsthaft adressieren, erhöhen nicht nur ihre Bewerbungswahrscheinlichkeit – sondern ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Wer diese Punkte umsetzt, erhöht die Bewerbungswahrscheinlichkeit und -qualität.