Ein Gastbeitrag von Moritz Blüml
Das „dynamische Team“, die „flachen Hierarchien“, der Obstkorb. Wir haben uns an eine Sprache gewöhnt, die niemand mehr glaubt und die trotzdem alle weiter verwenden.
Es gibt einen kleinen Moment der Komik, den fast jeder kennt, der schon einmal Stellenanzeigen gelesen hat. Man überfliegt den Text und übersetzt ihn dabei automatisch mit, fast unbewusst, wie eine zweite Tonspur. „Dynamisches Umfeld“ heißt „Chaos“. „Wir suchen einen Allrounder“ heißt „drei Stellen zum Preis von einer“. „Belastbarkeit erwünscht“ heißt „Überstunden inklusive“. Diese Übersetzung läuft bei den meisten Menschen so zuverlässig ab, dass man sich fragt, warum die Anzeigen überhaupt noch in der ersten Sprache geschrieben werden.
Denn das ist das eigentlich Bemerkenswerte an dieser kollektiven Unehrlichkeit. Sie ist kein Geheimnis. Beide Seiten wissen Bescheid. Der Arbeitgeber weiß, dass die Floskeln reine Schönfärberei sind. Der Bewerber weiß es. Und trotzdem spielen alle das Spiel weiter, als hätte man sich stillschweigend darauf geeinigt, sich gegenseitig etwas vorzumachen.
Eine Stellenanzeige ist oft das erste, was ein Unternehmen einem Menschen sagt. Und häufig ist es schon nicht ganz wahr.
Ein kleines Wörterbuch der Stellenanzeige
Damit man sieht, wie eingespielt dieser Code ist, hier eine Auswahl der häufigsten Formulierungen und dessen, was erfahrene Leser längst heraushören. Es ist nicht böse gemeint, aber es ist erstaunlich treffsicher.
Dynamisches Umfeld → Es gibt keine Prozesse, und niemand plant länger als bis Freitag.
Flache Hierarchien → Die Hierarchie ist sehr wohl da, sie wird nur nicht ausgesprochen.
Wir sind wie eine Familie → Grenzen zwischen Arbeit und Privatem sind unerwünscht.
Hohe Eigenverantwortung → Es gibt niemanden, der dich einarbeitet.
Belastbarkeit setzen wir voraus → Die Stelle ist chronisch unterbesetzt.
Kununu-Bewertungen sind uns wichtig → Wir kennen unsere Kununu-Bewertungen.
Wettbewerbsfähiges Gehalt → Wir nennen die Zahl bewusst nicht.
Obstkorb und Kickertisch → Über das Gehalt reden wir lieber nicht.
Man könnte diese Liste beliebig verlängern, und genau das ist der Punkt. Die Sprache ist so standardisiert, dass sie ihre eigentliche Funktion verloren hat. Sie informiert nicht mehr, sie signalisiert nur noch Zugehörigkeit zu einem Genre. Eine Stellenanzeige klingt heute wie eine Stellenanzeige, so wie ein Werbespot wie ein Werbespot klingt. Und niemand glaubt einem Werbespot.
Leitfaden
Tatort Stellenanzeige
In diesem Leitfaden lernen Sie:
… wie unrealistische Anforderungen, fehlende Transparenz und komplizierte Prozesse Talente abschrecken.
… wie Sie mit klarer Struktur und realistischen Signalen mehr passende Bewerbungen erzielen.
Warum das kein harmloses Spiel ist
Man könnte das alles als folgenlose Konvention abtun, wenn es nicht einen messbaren Preis hätte. Den zahlt am Ende der Arbeitgeber selbst, und zwar in Form von Menschen, die kurz nach dem Start wieder gehen.
Die Zahlen dazu sind deutlich. Nach der Haufe-Onboarding-Studie führen bei über der Hälfte der Unternehmen falsche oder überzogene Erwartungen zu frühen Kündigungen. 56 Prozent nennen genau das als Hauptgrund. Rund ein Viertel aller Neueinstellungen verlässt den Arbeitgeber bereits im ersten Jahr wieder. Und ein besonders bitteres Detail: Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen hat schon erlebt, dass Menschen zwischen der Vertragsunterschrift und dem ersten Arbeitstag wieder abspringen, also zu einem Zeitpunkt, an dem sie das Unternehmen noch gar nicht von innen gesehen haben.
Die geschönte Anzeige gewinnt den Bewerber. Die enttäuschte Erwartung verliert ihn wieder. Meist innerhalb eines Jahres.
Die Logik dahinter ist simpel. Eine Stellenanzeige, die ein idealisiertes Bild zeichnet, zieht Menschen an, deren Erwartung von der Realität abweicht. Sie kommen für einen Job, den es so nicht gibt. Die Ernüchterung tritt dann nicht nach Jahren ein, sondern in den ersten Wochen, oft bevor überhaupt eine Bindung zum Unternehmen entstehen konnte. Eine XING-Untersuchung nennt Unzufriedenheit mit den tatsächlichen Aufgaben als einen der häufigsten Kündigungsgründe der Deutschen überhaupt. Die Kluft zwischen Anzeige und Alltag ist also kein Schönheitsfehler. Sie ist ein Kostenfaktor.
Zur Ehrenrettung der Anzeigenschreiber
Bevor das Urteil zu hart ausfällt, gehört die andere Seite dazu, denn die Floskeln entstehen selten aus Betrugsabsicht. Meistens entstehen sie aus Not. Wer eine Anzeige schreibt, steht unter einem doppelten Druck. Er muss die Stelle attraktiv darstellen, weil die Konkurrenz um Bewerber es auch tut. Und er greift zu vertrauten Bausteinen, weil sie schnell verfügbar sind und niemand die Zeit hat, für jede Vakanz eine ehrliche, differenzierte Beschreibung zu formulieren.
Hinzu kommt ein echtes Dilemma. Vollständige Ehrlichkeit klingt in einer Stellenanzeige zunächst abschreckend. Wer schreibt, die Rolle sei anspruchsvoll, das Team gerade in einer schwierigen Phase und die Prozesse noch im Aufbau, riskiert, dass sich niemand bewirbt, obwohl genau diese Beschreibung ehrlicher und am Ende erfolgreicher wäre. Die Floskel ist also auch ein Schutzmechanismus gegen die Angst vor dem leeren Postfach. Das erklärt sie. Es rechtfertigt sie nur nicht mehr, sobald man den Preis auf der anderen Seite mitrechnet.
Was ehrliche Anzeigen anders machen
Die gute Nachricht ist, dass Ehrlichkeit kein Wettbewerbsnachteil ist, sondern ein Filter. Eine Anzeige, die realistisch beschreibt, was auf jemanden zukommt, zieht weniger Bewerber an, aber die passenderen. In der Fachwelt heißt dieser Ansatz Realistic Job Preview, die realistische Tätigkeitsvorschau. Die Idee ist unspektakulär: Man sagt den Menschen vorher, wie der Job wirklich ist, mit den guten und den schwierigen Seiten. Der Effekt ist gut belegt. Wer vorher weiß, worauf er sich einlässt, bleibt länger, weil die erste Enttäuschung ausbleibt.
Praktisch heißt das wenig Aufwand und viel Wirkung. Statt „hohe Eigenverantwortung“ lieber der konkrete Satz, dass man in den ersten Wochen viel selbst herausfinden muss, weil das Team klein ist. Statt „dynamisches Umfeld“ die ehrliche Auskunft, dass sich Prioritäten kurzfristig ändern können und das nicht jedem liegt. Statt einer Gehaltsfloskel eine echte Spanne. Nichts davon ist heroisch. Es ist nur ehrlich, und Ehrlichkeit ist im aktuellen Anzeigenmeer bereits ein Alleinstellungsmerkmal.
Die ehrlichste Stellenanzeige ist die, die manche Bewerber abschreckt. Genau die richtigen bleiben übrig.
Am Ende ist die Sache fast schon banal. Eine Stellenanzeige ist ein Versprechen. Und ein Versprechen, das am ersten Arbeitstag gebrochen wird, war nie eine gute Grundlage für ein Arbeitsverhältnis. Die Unternehmen, die das verstehen, schreiben schon heute anders. Sie verzichten auf den Obstkorb im Text und schreiben stattdessen hin, was die Aufgabe wirklich verlangt. Das klingt weniger glänzend. Aber es hält länger.
Und vielleicht ist das die eigentliche Frage, die sich jedes Unternehmen stellen sollte, bevor die nächste Anzeige online geht. Nicht: Wie machen wir die Stelle attraktiv? Sondern: Würde der Mensch, den wir suchen, nach einem halben Jahr sagen, dass es genau so war, wie es dastand?

Über den Autor
Moritz Blüml ist Personalberater bei Saleshead und auf die Besetzung von Vertriebspositionen im deutschsprachigen Raum spezialisiert. Er begleitet Fach- und Führungskräfte bei Karriereentscheidungen und berät Unternehmen bei der Besetzung anspruchsvoller Sales-Rollen. Zuvor sammelte er Erfahrung in führenden internationalen Personalberatungen. Neben seiner Tätigkeit als Personalberater ist er einer der führenden Recruiting & Talent Acquisition Creator im deutschsprachigen Raum.
Quellen
- Haufe Onboarding-Studie 2023 (Gründe für Frühfluktuation, Kündigungen vor dem ersten Arbeitstag).
- XING / Kununu: Untersuchungen zu Kündigungsgründen in Deutschland.
- Gallup Engagement Index Deutschland.
- Forschung zur Realistic Job Preview (u.a. Wanous, Premack & Wanous).