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Recruiting-Wissen

Danke, Boomer. Ihr geht in Rente, und wir merken erst jetzt, was uns fehlen wird

9 min.
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Ich bin 37 Jahre alt. Als ich vor gut 15 Jahren in die Personalberatung kam, waren die meisten Menschen, mit denen ich am Telefon verhandelt habe, ungefähr so alt wie meine Eltern. Geschäftsführer, Vertriebsleiterinnen, Personalchefs. Sie haben mich warten lassen, mich korrigiert und mich gelegentlich ziemlich auflaufen lassen. Und sie haben mir, meistens ohne es zu merken, beigebracht, wie dieser Beruf eigentlich funktioniert.

Vor ein paar Jahren wurde „OK Boomer“ zum geflügelten Wort. Zwei Silben, mit denen eine ganze Generation abgewunken wurde. Ich fand das damals auch lustig. Heute finde ich es vor allem kurzsichtig. Denn die Generation, über die da gelacht wurde, verlässt gerade den Arbeitsmarkt. Und mit ihr geht deutlich mehr als nur Arbeitskraft.

Moritz Blueml

Über den Autor

Moritz Blüml ist Personalberater bei Saleshead und auf die Besetzung von Vertriebspositionen im deutschsprachigen Raum spezialisiert. Er begleitet Fach- und Führungskräfte bei Karriereentscheidungen und berät Unternehmen bei der Besetzung anspruchsvoller Sales-Rollen. Zuvor sammelte er Erfahrung in führenden internationalen Personalberatungen. Neben seiner Tätigkeit als Personalberater ist er einer der führenden Recruiting & Talent Acquisition Creatoren im deutschsprachigen Raum.

Ein Abschied in Zahlen

Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Das sind 31 Prozent aller Menschen, die heute dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die jüngeren Jahrgänge können diese Lücke allein zahlenmäßig nicht schließen. 1964, im geburtenstärksten Jahrgang, kamen in Ost und West zusammen rund 1,36 Millionen Kinder zur Welt. 2024 waren es knapp 680.000, also ziemlich genau die Hälfte.

Über diese Zahlen wird viel gesprochen, meistens im Zusammenhang mit Fachkräftemangel und Rentenkasse. Viel seltener geht es um die Frage, was Unternehmen eigentlich verlieren, wenn diese Menschen gehen. Nicht an Köpfen, sondern an Haltung. Mir gehen dazu ein paar Sätze nicht aus dem Kopf, die ich in den letzten 13 Jahren von Babyboomern gehört habe. Manche haben mich damals genervt. Heute würde ich sie mir einrahmen.

„Ein Handschlag ist ein Vertrag.“

Diesen Satz hat mir ein Vertriebsleiter gesagt, Anfang 60, kurz nachdem er für eine neue Position zugesagt hatte. Zwei Wochen später lag ihm ein deutlich besseres Gegenangebot seines bisherigen Arbeitgebers vor. Er hat es abgelehnt, ohne lange darüber nachzudenken. Seine Begründung war genau dieser eine Satz.

Wer heute im Recruiting arbeitet, versteht, warum mir das im Gedächtnis geblieben ist. Zusagen, die kurz vor dem ersten Arbeitstag zurückgezogen werden, Kandidaten, die nach dem dritten Gespräch einfach nicht mehr erreichbar sind: Das ist inzwischen Alltag. Verbindlichkeit ist zu einer Eigenschaft geworden, die man im Interview beinahe gesondert abfragen muss. Bei vielen Babyboomern war sie schlicht der Normalzustand.

Ich will das nicht verklären. Die Arbeitswelt war damals eine andere, mit weniger Optionen und mehr Abhängigkeit. Trotzdem habe ich von dieser Generation gelernt, dass ein gegebenes Wort einen Wert hat, der sich nicht in Euro ausdrücken lässt. Und dass Menschen, die so arbeiten, in Verhandlungen eine Ruhe ausstrahlen, die man in keinem Seminar trainieren kann.

Verbindlichkeit war für viele Babyboomer keine Kompetenz, die man im Lebenslauf aufführt. Sie war der Normalzustand.

„Ruf halt mal an.“

Ich war Mitte 20 und hatte einem Geschäftsführer drei E-Mails geschrieben, die alle unbeantwortet blieben. Als ich ihn dann doch einmal ans Telefon bekam, sagte er nur: „Wenn Ihnen etwas wichtig ist, rufen Sie halt an.“ Das Gespräch dauerte vier Minuten. Danach haben wir jahrelang zusammengearbeitet.

Ich habe mich über diesen Satz damals ein wenig geärgert, weil er mir altmodisch vorkam. Heute weiß ich, dass er einen Kern hat, den keine Technologie ersetzt. Beziehungen entstehen dort, wo man einander zuhört, und nicht dort, wo man einander Dokumente schickt. Gerade im Vertrieb, mit dem ich täglich zu tun habe, sehe ich, wie sehr die stärksten Verkäuferinnen und Verkäufer dieser Generation davon leben. Ihre Netzwerke sind über Jahrzehnte gewachsen, und sie pflegen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die man Jüngeren nicht einfach im Onboarding mitgeben kann.

Gestritten haben wir trotzdem, und zwar über die Frage, ob das Telefon immer das richtige Mittel ist. Nicht jede Abstimmung braucht einen Anruf, und nicht jeder empfindet ein spontanes Klingeln als Wertschätzung. Die Lösung, auf die ich mich mit vielen meiner Kunden geeinigt habe, ist ziemlich unspektakulär: das Schriftliche für die Sache, das Gespräch für die Beziehung.

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„Ich habe schon ganz andere Krisen erlebt.“

Im Frühjahr 2020, als viele Unternehmen ihre Einstellungen praktisch über Nacht stoppten, telefonierte ich mit einer Personalleiterin, die kurz vor dem Ruhestand stand. Ich war ehrlich gesagt ziemlich nervös. Sie war es nicht. Sie hatte die Ölkrise als Jugendliche erlebt, die Wiedervereinigung mitten im Berufsleben, später das Platzen der Dotcom-Blase und die Finanzkrise als Führungskraft. Ihr Satz war: „Wir machen jetzt das, was wir beeinflussen können. Der Rest kommt sowieso.“

Der Soziologe Heinz Bude, der dieser Generation ein ganzes Buch mit dem Titel „Abschied von den Boomern“ gewidmet hat, beschreibt sie als eine Generation, die mit Umbrüchen groß geworden ist und gelernt hat, sich darin einzurichten. Diese Gelassenheit ist in Unternehmen ein völlig unterschätzter Wert. Sie zeigt sich nicht in Präsentationen, sondern in den Momenten, in denen alle anderen hektisch werden. Wer in einer Krise jemanden im Team hat, der schon drei davon überstanden hat, trifft in der Regel bessere Entscheidungen. Das ist meine Erfahrung, und es ist auch die Erfahrung vieler Geschäftsführer, mit denen ich spreche.

Wer in einer Krise jemanden im Team hat, der schon drei davon überstanden hat, trifft bessere Entscheidungen.

„Wer nicht da ist, kann nicht mitreden.“

Bei diesem Satz wird es ehrlich, denn darüber haben wir uns richtig gestritten. Ein Kunde von mir, Inhaber eines mittelständischen Unternehmens, Jahrgang 1958, wollte eine Vertriebsposition ausschließlich in Präsenz besetzen. Fünf Tage die Woche, keine Ausnahme. Ich habe ihm gesagt, dass er damit einen großen Teil der infrage kommenden Kandidaten verliert. Er hat mir gesagt, dass ich keine Ahnung habe, wie Teams zusammenwachsen.

Wir hatten beide ein bisschen recht. Am Ende haben wir uns auf drei feste Bürotage geeinigt, an denen das Team tatsächlich zusammenkommt, mit gemeinsamen Terminen und echtem Austausch. Statt fünf Tagen, an denen jeder am eigenen Schreibtisch in Videocalls sitzt. Die Stelle war nach sechs Wochen besetzt. Später hat er mir gesagt, er habe seine Meinung nicht geändert. Nur seine Regel.

Für mich ist das eine der wichtigsten Erfahrungen mit dieser Generation. Man kann mit ihr streiten, hart in der Sache, und kommt trotzdem zu einer Lösung, ohne dass hinterher jemand beleidigt ist. Diese Art von Streitkultur, an deren Ende ein Handschlag steht und keine eingeschnappte Funkstille, vermisse ich in vielen heutigen Diskussionen.

Er hat seine Meinung nicht geändert. Nur seine Regel.

„Komm, ich zeig dir das mal.“

Vielleicht der wertvollste Satz von allen. Ich habe ihn oft gehört, von Menschen, die nichts davon hatten, mir etwas beizubringen, außer vielleicht dem Gefühl, dass ihr Wissen weiterlebt. Wie man eine Gehaltsverhandlung so führt, dass beide Seiten danach noch miteinander reden. Wie man einem Kandidaten absagt, ohne ihn für immer zu verlieren. Wie man einen Kunden liest, bevor er überhaupt etwas gesagt hat.

Dieses Wissen steht in keinem Handbuch und in keinem Wiki. Es geht mit in den Ruhestand, wenn niemand rechtzeitig danach fragt. In vielen Unternehmen, die ich berate, wird über die Nachfolge einer erfahrenen Führungskraft erst gesprochen, wenn das Abschiedsdatum feststeht. Dann bleiben drei Monate Übergabe für dreißig Jahre Erfahrung.

Dann bleiben drei Monate Übergabe für dreißig Jahre Erfahrung.

Das lässt sich besser machen. Unternehmen, die erfahrene und jüngere Kolleginnen und Kollegen schon Jahre vor dem Ruhestand zusammenbringen, verlieren beim Abschied deutlich weniger. Auch ein gleitender Übergang in Teilzeit hilft, weil der Ruhestand dann keine harte Kante mehr ist. Und seit Januar 2026 gibt es zusätzlich einen steuerlichen Anreiz: Mit der Aktivrente können Beschäftigte, die über das Rentenalter hinaus arbeiten, bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Es ist aber ein klares Signal, dass dieses Wissen gebraucht wird.

Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder irritiert: Dieselben Unternehmen, die den Verlust an Erfahrung beklagen, sortieren Bewerberinnen und Bewerber über 55 häufig schon beim ersten Blick auf den Lebenslauf aus. Ich erlebe das regelmäßig. Dabei arbeiten heute so viele Ältere wie selten zuvor. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen ist laut Statistischem Bundesamt zwischen 2014 und 2024 von 65 auf 75 Prozent gestiegen. Diese Menschen wollen arbeiten. Man muss sie nur lassen.

Nicht alles war besser. Aber vieles war wertvoll

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich halte nichts davon, eine ganze Generation zu verklären. Die Arbeitswelt der Babyboomer hatte auch ihre Schattenseiten. Überstunden galten oft als Statussymbol, Hierarchien wurden selten hinterfragt, und Frauen hatten es in vielen Unternehmen deutlich schwerer als heute. Manches von dem, was jüngere Generationen einfordern, etwa mehr Flexibilität oder ein offenerer Umgang mit Fehlern, ist eine echte Verbesserung.

Hinzu kommt ein Punkt, den die Forschung immer wieder betont. Der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig weist seit Jahren darauf hin, dass die Unterschiede innerhalb einer Generation meist größer sind als die zwischen den Generationen. Nicht jeder Babyboomer ist verbindlich, gelassen und hilfsbereit, und nicht jeder 25-Jährige ist das Gegenteil. Werte hängen an Menschen, nicht an Geburtsjahrgängen.

Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen, was diese Menschen mitbringen, bevor sie gehen. Nicht aus Nostalgie, sondern als eine Art Inventur.

Ich habe in den vergangenen 15 Jahren mit sehr vielen Babyboomern gearbeitet. Einige haben mich gefördert, einige haben mich gefordert, ein paar haben mich zur Verzweiflung gebracht. Fast alle haben mir etwas mitgegeben, das ich heute an Jüngere weitergebe, oft mit genau denselben Worten.

In den nächsten Jahren werde ich viele von ihnen in den Ruhestand verabschieden, als Kandidaten, als Kunden, als Sparringspartner. Und ich glaube, der beste Weg, sich bei dieser Generation zu bedanken, ist kein netter Abschiedsbrief. Sondern dafür zu sorgen, dass das, was sie uns beigebracht hat, nicht mit ihr in Rente geht. Also:

Danke, Boomer. Und zwar ernst gemeint.


Quellen

  • Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 3. September 2025 (Erwerbspersonen im Rentenalter, Erwerbstätigenquote 55 bis 64 Jahre)
  • Statistisches Bundesamt, Geburtenstatistik
  • Heinz Bude, „Abschied von den Boomern“, Hanser 2024
  • Gesetz zur steuerlichen Förderung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Rentenalter (Aktivrentengesetz), in Kraft seit 1. Januar 2026
  • Hannes Zacher, Universität Leipzig, Forschung zu Generationenunterschieden

Die geschilderten Begegnungen sind anonymisiert.