Ende 2022: ChatGPT wird releast und startet einen beispiellosen Hype. Fast vier Jahre später ist KI in vielen Lebensbereichen angekommen – auch auf dem Arbeitsmarkt. Eine XING Analyse zeigt jedoch: Die Entwicklung von Stellenanzeigen mit KI-Bezug verläuft weniger linear als gedacht. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Welche Fachkräfte suchen Unternehmen jetzt? Und was bedeutet das für Recruiting und Karriere?
Erst Begeisterung, dann Ernüchterung
Eigentlich hätte man das Gegenteil erwarten können: Ab 2022 ist künstliche Intelligenz plötzlich in aller Munde – doch die Zahl der KI-bezogenen Stellenanzeigen in Deutschland brach zunächst ein.
In 2023 und 2024 ging sie jeweils deutlich zurück. Dann die Trendwende: 2025 stieg sie plötzlich über das Niveau von 2022. Und die Kurve geht weiter nach oben – die bisherigen Daten für dieses Jahr deuten einen erneuten, noch beträchtlicheren Zuwachs an. Gleichzeitig erreichte der Anteil von KI-Stellen an allen untersuchten Stellenanzeigen mit 0,44 Prozent einen neuen Höchststand.
| Jahr | Anzahl KI-bezogener Stellenanzeigen | Zuwachs/Abnahme zum Vorjahr |
| 2022 | 28.707 | |
| 2023 | 22.677 | -21 % |
| 2024 | 16.171 | -29 % |
| 2025 | 29.243 | +80 % |
| 2026 (Januar–Juli) | 23.983 | +140 % (auf gesamtes Jahr hochgerechnet) |
Für Kacper Potega, Senior Vice President Product & Marketing bei XING, ist der zwischenzeitliche Einbruch kein Widerspruch zum KI-Boom, im Gegenteil.

„Oft folgt nach einem Technologie-Hype erst einmal das typische Tal der Ernüchterung – und die Erkenntnis, dass zwischen Potenzial und praktischer Anwendung noch ein langer Weg liegt. Inzwischen sind viele Anwendungsfälle konkreter geworden. Unternehmen brauchen deshalb zunehmend Menschen, die KI in reale Prozesse und Produkte überführen können.“
Kacper Potega, Senior Vice President Product & Marketing XING
Die aktuell hohen Zahlen könnten also weniger Ausdruck eines neuen, kurzlebigen Hypes sein. Stattdessen ist KI im unternehmerischen Alltag und damit auch auf dem Stellenmarkt angekommen.
KI braucht Daten – und Menschen, die sie verstehen
Welche Fachkräfte Unternehmen dafür suchen, zeigt ein Blick auf die Stellenanzeigen. Neben dem allgemeinen Begriff „Artificial Intelligence“ sticht eine Rolle besonders heraus: Data Scientists kommen im gesamten Untersuchungszeitraum auf 27.582 Postings und damit auf knapp 23 Prozent aller bestätigten KI-bezogenen Stellenanzeigen. Machine Learning Engineers folgen mit rund 6 Prozent. AI Engineers liegen bei gut 3 Prozent, Prompt Engineers bei etwas mehr als 2 Prozent.
Dass ausgerechnet Data Scientists so weit vorn liegen, überrascht Kacper Potega nicht: „KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Unternehmen brauchen deshalb Fachkräfte, die Daten auswählen, strukturieren und modellieren können – und die verstehen, was sich sinnvoll automatisieren lässt.“
Unternehmen brauchen also weiterhin Menschen, die wissen, welche Informationen relevant sind, wie sie zusammenhängen und welche Qualität sie haben. Das ändert auch den Blick auf KI-Kompetenz. Es reicht nicht, ein bestimmtes Tool bedienen oder besonders ausgefeilte Prompts schreiben zu können. Gefragt sind Menschen, die fachliche Probleme verstehen und KI sinnvoll darauf anwenden können.
Noch konzentriert sich die Nachfrage insgesamt stark auf technologieorientierte Wirtschaftszweige. Diese Branchen führen das Ranking an:
- Internet & Informationstechnologie: 32.467 Postings (knapp 27 %)
- IT Services: 12.309 Postings (gut 10 %)
- Software: 11.337 Postings (rund 9 %)
- Consulting: 7.250 Postings (6 %)
Für Kacper Potega folgt diese Rangfolge einer klaren Logik:

„Dass IT und Consulting KI als Erste in der Breite adaptieren, ist nur logisch. Dort sitzen die Dienstleister, die andere Unternehmen für ihren KI-Rollout beauftragen – und gerade in der Softwareentwicklung entstehen durch agentisches Coding große Effizienzgewinne.“
Kacper Potega, Senior Vice President Product & Marketing XING
Mehr KI-Jobs heißt nicht automatisch mehr Jobs für alle
Die steigende Nachfrage nach KI-Kompetenz erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Während in vielen Positionen neue Aufgaben entstehen, verändert KI woanders bestehende Tätigkeiten.
Ein auffälliger Befund: Rund 79 Prozent der untersuchten KI-Stellen richten sich an erfahrene Fachkräfte. Entry-Level-Positionen machen dagegen nur 6,2 Prozent aus.
Das allein belegt nicht, dass KI Einstiegsjobs verdrängt. Die Zahlen zeigen zunächst nur, dass Unternehmen für KI-bezogene Stellen überwiegend Erfahrung suchen. Potega sieht dennoch einen Zusammenhang mit einer größeren Entwicklung: „Im Moment sind vor allem Einsteigerrollen von KI betroffen – in dem Sinne, dass es gerade wenige davon gibt. Mittelfristig könnte es das mittlere Management aber noch härter treffen. Den Generalisten, der von allem ein bisschen kann, gibt es mit ChatGPT heute gewissermaßen schon.“
Die Diskussion über KI und Arbeit dreht sich häufig um standardisierte Junior-Aufgaben. Der Experte erwartet den Druck langfristig auch eine Ebene höher.
KI kann Informationen zusammenfassen, Konzepte strukturieren, Texte vorbereiten, Daten analysieren oder Entscheidungen vorbereiten. Damit übernimmt sie zunehmend Tätigkeiten, die bisher nicht unbedingt tiefes Spezialwissen verlangten, sondern vor allem Koordination und breites Überblickswissen.
Wer in der KI-Arbeitswelt gefragt ist
Mit dem zunehmenden Einsatz von KI verschiebt sich die Frage, worin der besondere Beitrag von Menschen liegt. Wenn Systeme immer mehr Standardaufgaben übernehmen, gewinnen Fähigkeiten an Bedeutung, die über die reine Anwendung von Tools hinausgehen.
Für Kacper Potega steigt mit KI vor allem der Wert echter Expertise:

„Chatbots ersetzen vielleicht den mittelmäßigen Software Engineer oder Designer. Sie sind selbst aber noch keine herausragenden Engineers oder Designer. Exzellenz ist deshalb der wichtigste Weg, relevant zu bleiben.“
Kacper Potega, Senior Vice President Product & Marketing XING
Entscheidend ist deshalb nicht allein, wer mit den neuesten KI-Tools umgehen kann. Es geht darum, sich von durchschnittlicher, KI-generierter Arbeit abzuheben. Gefragt sind Menschen, die KI-Ergebnisse einordnen, weiterentwickeln und daraus eigenständige Lösungen ableiten können.
Für Unternehmen heißt das: Sie sollten bei der Suche nach Talenten nicht nur auf technische Fähigkeiten und ein breites Kompetenzprofil achten, sondern eher nach Expert·innen mit überfachlichen Schlüsselkompetenzen wie Eigenständigkeit, Lernfähigkeit und der Fähigkeit zum kritischen Denken Ausschau halten.
Fazit: Jetzt beginnt die eigentliche Veränderung
Die Daten aus der XING Analyse legen nahe: Nicht nur Berufsteinsteiger·innen, sondern gerade Menschen mit Erfahrung und in höheren Positionen müssen sich neuen Anforderungen anpassen, um relevant zu bleiben. Erfahrene Fachkräfte dominieren die KI-bezogenen Stellenanzeigen, datengetriebene Rollen sind besonders gefragt, und IT-nahe Branchen treiben die Entwicklung bislang voran. Die Veränderung verläuft dabei nicht überall gleich schnell: Besonders sichtbar ist sie in den großen Technologie- und Wirtschaftsstandorten Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin.
Die Entwicklung der Stellenanzeigen mit KI-Bezug spricht dafür, dass der Arbeitsmarkt gerade in eine neue Phase eintritt. Auf anfänglichen Enthusiasmus und kurze Ernüchterung folgt die breite Umsetzung. Unternehmen brauchen Menschen, die Daten verstehen, KI in reale Prozesse übersetzen und fachlich genug Substanz mitbringen, um Ergebnisse und Risiken beurteilen zu können.
Leitfaden
AI-Act-Check für die Candidate Journey
In diesem Leitfaden lernen Sie:
… welche Transparenzpflichten seit dem 2. August 2026 für den KI-Einsatz im Recruiting gelten.
… wie Sie mit Copy-Paste-Vorlagen und einem 30-Tage-Maßnahmenplan schnell erste Maßnahmen umsetzen.
Über die Analyse
Für die Analyse wurden rund 120.000 KI-bezogene Stellenanzeigen in Deutschland aus dem Zeitraum Januar 2022 bis Juli 2026 ausgewertet. Untersucht wurden unter anderem die Entwicklung der Ausschreibungen, verwendete Begriffe und Jobprofile aus dem Themenumfeld KI, Branchen, Erfahrungslevel sowie die regionale Verteilung. Eine Stellenanzeige wurde als KI-bezogen gewertet, wenn im Titel und/oder in der Stellenbeschreibung mindestens ein Begriff aus einer Liste KI-relevanter Suchbegriffe vorkam.